Wein wird überleben – aber wer spricht eigentlich für den Wein?

Wein wird überleben – aber wer spricht eigentlich für den Wein?


Wein wird überleben – aber wer spricht eigentlich für den Wein?

Caro Maurer, Master of Wine, über kippende Frames, Alarmstimmung – und die heikle Grenze zwischen Branchenanalyse und persönlicher Weinliebe

Man kann die aktuelle Wein-Debatte so erzählen, als stünde die Branche vor einem historischen Kipppunkt: WHO-Studien, Warnhinweise, Werbebeschränkungen, „No/Low“ als neuer Zeitgeist – und eine Öffentlichkeit, die Wein zunehmend im Gesundheitsframe verhandelt. Das ist die lauteste Bühne, nicht das ganze Stück. Parallel laufen die strukturellen Stressoren, die tiefer schneiden: demografische Erosion auf der Konsumentenseite, Klimawandel und seine Konsequenzen für Sorten, Terroirs und Stilistik, dazu ökonomische Krisenprozesse – von Preisdruck über Betriebsaufgaben bis hin zu Weinbergssterben. Wer nur auf Schlagzeilen schaut, verkennt die tektonischen Platten, die sich darunter bewegen.

Entdramatisierung als Haltung – nicht als Ausrede

Caro Maurer gehört nicht zur Fraktion, die aus jeder neuen Studie eine Endzeitdiagnose baut. Ihr Ton ist entdramatisierend, manchmal fast stoisch. Sie setzt Wein zuerst als Kulturpraxis: als etwas, das Landschaft formt, Menschen verbindet, Genuss ermöglicht – und erst daraus folgt alles Weitere, auch die ökonomische Dimension. Das ist keine romantische Ausflucht, sondern eine bewusste Gegenposition zum Versuch, Wein ausschließlich als Gesundheitsproblem zu rahmen. Genau hier setzt auch die Leitfrage dieses Textes an: Wer kann in einer aufgeheizten Öffentlichkeit für den Wein sprechen, ohne reflexhaft zu beschwichtigen – und ohne in Abwehr zu kippen?

Wer nicht in Panik verfällt, muss trotzdem antworten

Ich starte das Gespräch mit einem Gedankenexperiment: drei Sätze – Wein ist Kultur, Wein ist Genuss, Wein ist Wirtschaft – und nur einer darf überleben. Caros Antwort kommt ohne Umweg: Kultur. „Die Basis von allem ist das Kulturgut Wein. So entsteht die Landschaft, so entsteht der Genuss – und letztendlich auch ein wirtschaftlicher Gewinn.“ Wein als Kultur ist in dieser Logik kein sentimentaler Schutzwall, sondern das Fundament, aus dem alles andere erst plausibel wird.

Caro denkt die Lage historisch phasisch. Es habe immer solche und solche Phasen gegeben; der aktuelle Gesundheitsframe sei ein mächtiger Resonanzraum, aber nicht zwingend der Endpunkt einer Entwicklung. Der Gewinn dieser Perspektive liegt auf der Hand: Sie schützt vor Alarmismus, vor Kurzschlussreaktionen, vor hektischer Selbstentwertung. Die Schwäche liegt ebenso offen: Wer zu stark auf Zyklen setzt, riskiert, strukturelle Brüche – Regulierungspfadabhängigkeiten, veränderte Konsummuster, kumulative Klimaeffekte – zu unterschätzen. Genau hier entsteht die produktive Reibung: Ruhe ist notwendig, aber Ruhe darf nicht zur Selbstberuhigung werden.

Bei der Alkoholfrage trennt Caro sauber zwischen Ebenen, wo andere reflexartig in die Defensive gehen. Sie leugnet Alkohol nicht – im Gegenteil: In ihrer MW-Prüfung wählte sie bei „To what extent is wine a social evil?“ bewusst die unbequemere Seite. Was sie ablehnt, ist der Reflex der Verbotskultur. Ihr Vergleich mit dem privaten Ärgernis Feuerwerk zielt auf ein Prinzip: Evidenz anerkennen, ja – aber sie nicht zum einzigen Maßstab des kulturellen Umgangs machen. Das ist in sich konsistent: pro Aufklärung, gegen moralische Totalmechanik.

Braucht Wein eine neue Sprache – oder nur mehr Disziplin?

Caro plädiert weniger für eine neue Sprache als für eine disziplinierte. Auf die Frage, welche Begriffe sie aus dem Weinjargon verbannen würde, nennt sie als erstes „mineralisch“ – weil es als Überbegriff oft alles und nichts meint. Stattdessen fordert sie Konkretion: salzig, algenhaft, metallisch – was genau ist gemeint? Dasselbe gilt für „Balance“ oder „groß“, wenn diese Wörter als Nebelmaschinen dienen. Und wenn junge Influencer mit „geiler Wein“ kommen, lässt sie das nicht als Beschreibung gelten: nachvollziehbarer werde es, wenn man schreibt, woran man es schmeckt – trocken, straffe Säure, grüner Apfel.

Das ist keine Vereinfachung, sondern Präzision. Nicht mehr Aura, nicht mehr Insidercode – sondern Begriffe, die Menschen wirklich nachvollziehen können. Zwischen Gesundheitsframe und Kulturargument gewinnt nicht der, der am schönsten erzählt, sondern der, der präzise bleibt, ohne belehrend zu wirken.

Der Kabinett-Gedanke zeigt das am besten: Wie spricht man mit jemandem, der Genuss spannend findet, beim Thema Alkohol aber sofort moralisch abwinkt? Caros Antwort ist kein abstraktes Argument, sondern eine Empfehlung, die Maß und Faszination zusammenbringt: ein Riesling Kabinett von der Mosel, niedrig im Alkohol, ein Glas – und trotzdem etwas „unwahrscheinlich Feinsinniges“. Kein Kulturbegriff, kein Vortrag: ein konkretes Glas. Maß und Genuss sind keine Gegensätze. Kultur ist nicht das Gegenteil von Verantwortung, sondern ihre Form.

Wo das Gespräch selbst zum Symptom wird

An ein paar Stellen zeigt sich im Gespräch etwas, das über Caro hinausweist. Immer dann, wenn Fragen nicht auf Wein als Produkt zielten, sondern auf die Branche als System – blinde Flecken, Routinen, Selbstbilder –, wurde die Ebene instabil. Antworten rutschten vom Systemischen ins Persönliche oder ins Außen.

Zwei Momente stechen heraus. Als ich Caro frage, was sie sich für die Zukunft der Weinwelt wünscht, reagiert sie zunächst mit einer sehr persönlichen Zufriedenheit: Sie sei wunschlos glücklich, erzählt von ihrer Freude am Beruf, an Winzern und am Entdecken neuer Regionen. Kurz darauf bitte ich sie, ins Jahr 2036 zu springen: Wein hat überlebt, er ist als Kulturträger relevanter denn je – was ist das leiseste Detail, das enorm viel erzählt? Ihre erste Antwort ist wieder privat und zugleich entwaffnend konkret: genug guter Wein im Keller – und die Hoffnung, dass Wein nicht in Richtung 14 Vol.-% kippt und bezahlbar bleibt.

Beides ist ehrlich gemeint. Beides beantwortet nicht ganz die Frage, die ich gestellt hatte. Genau darin liegt der Befund: Unter Druck wird Branchenreflexion schnell als persönliche Frage gehört – und die „Weinwelt" als System verschwindet hinter dem „Ich". Das ist als menschliche Reaktion nachvollziehbar und als Diagnose trotzdem aufschlussreich. Es zeigt, wie schwer es der Weinwelt fällt, sich selbst als Objekt der Analyse zu behandeln, ohne in Rechtfertigung oder Abwehr zu kippen. Und es zeigt eine kommunikative Grundregel, die im Weinbusiness oft unterschätzt wird: In aufgeheizten Zeiten reicht es nicht, recht zu haben. Man muss die eigene Position so formulieren, dass sie außerhalb der Bubble anschlussfähig bleibt – und gleichzeitig so ehrlich, dass sie innerhalb der Bubble nicht als Verrat gelesen wird.

Fazit

Caro Maurer liefert eine wichtige Korrektur zur Endzeitstimmung: Ruhe, Einordnung, Kulturwert ohne Heiligenschein – und die Erinnerung, dass Panik ein schlechter Ratgeber ist. Gleichzeitig zeigt dieser Moment, stellvertretend für viele solcher Gespräche in der Branche, wie sensibel das Feld geworden ist – und wie nötig eine Sprache wäre, die Selbstkritik erlaubt, ohne Selbstentwertung zu produzieren. Wein wird überleben. Die Frage ist, ob die Branche rechtzeitig lernt, von außen auf sich zu schauen – bevor es andere für sie tun.


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