Stefan Bietighöfer - mit Volldampf und Herzblut zu immer neuen Ufern

Stefan Bietighöfer - mit Volldampf und Herzblut zu immer neuen Ufern

Foto: A. Durst


Stefan Bietighöfer - mit Volldampf und Herzblut zu immer neuen Ufern

Dem Winzer Stefan Bietighöfer macht das Leben Spaß. Er hat sich - nachdem er das elterliche Weingut bereits mit Anfang zwanzig übernommen hat - aus der regionalen Enge seiner Herkunft herausgewagt und dabei eine schier unstillbare Lust entwickelt, sich persönlich weiterzuentwickeln und mit seinen Weinen internationales stilistisches Parkett zu betreten.

Er sagt von sich:

"Ich bin ein absoluter Bauch- und Genussmensch."

Er liebt es, wenn es gemütlich und gesellig zugeht. Im Umgang mit anderen sucht er - wenn möglich - das Harmonische, weniger den Konflikt als den Ausgleich. Leichter und erfolgreicher geht durchs Leben, so sein Motto, wer lösungs- statt problemorientiert denkt und handelt.

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Foto: A. Durst

Stefan Bietighöfer's Weine zeigen Kante

Seine angriffslustige Seite lebt er im Wein. Die zeigen Kante, sind nicht everybody’s Darling. Auch die puristische Architektur der neu gebauten Kelterhalle provoziert, ist extremer Kontrast zur ländlichen Fachwerkidylle Mühlhofens, dem Ort, in dem sich das Leben des Stefan Bietighöfer im wesentlichen abspielt.

„Ich mag Weine auf Kante. So was Aalglattes mit Tuttifrutti in der Nase, das ist nicht mein Ding. In den Weinen darf Spannung drin sein, auch scheinbar Gegensätzliches - Kraft und Eleganz, Struktur und Trinkfluss. Mein großes Vorbild ist Burgund.“

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Foto: A. Durst

Start mit bescheidenen Ausgangsbedingungen

Als Stefan Bietighöfer mit Anfang 20 den elterlichen Betrieb übernommen hat, kostete die teuerste Flasche 4,50 Euro. Ein Großteil des Sortiments wurde halbtrocken abgefüllt, ein Drittel in der Literflasche. Es gab keine Vertriebsstrukturen in den Handel oder die Gastronomie, geschweige denn in den Export.

Die gesamte Produktionsmenge wurde - überwiegend ab Hof - an Endkunden vermarktet. Draußen in den Weinbergen wuchsen fast zwei Dutzend verschiedene Rebsorten und sein Papa verstand sich mehr als Bauer und Weinbergsarbeiter, denn als Kellermeister oder gar Marketer.

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Stefan Bietighöfer hat schnell Fahrt aufgenommen

Unter diesen Voraussetzungen, das war dem jungen Stefan Bietighöfer schnell klar, würde das Weingut keine günstigen Perspektiven haben. Uns so hat er einen bis heute andauernden Prozess der umfassenden Reorganisation und Innovation in Gang gesetzt. Aus ehemals 12 Hektar sind mittlerweile 40 Hektar geworden.

Bis auf wenige edelsüße Ausnahmen wird das gesamte Sortiment trocken ausgebaut und komplett über die drei Säulen Handel, Gastro und Export vermarktet. Die Rebanlagen werden - bis auf wenige Ausnahmen - biodynamisch bewirtschaftet und in der Spitze realisiert Stefan Bietighöfer Flaschenpreise von deutlich über 30 Euro, im Einzelfall auch schon mal über 50 Euro.

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Weine mit überregionaler Identität

Logischerweise hat sich auch die Stilistik der Weine verändert - vom gefälligen, aber alles in allem eher einfachen Mainstream hin zu anspruchsvollem Trinkgenuss mit Tiefe und Komplexität. Sie präsentieren sich - mal abgesehen von den Gutsweinen - in der Jugend oft provokativ kantig und mit eher einer überregionalen, vielleicht sogar internationalen statt einer Pfälzer Identität.

Nach ein paar Jahren Flaschenreife besänftigen sich und entwickeln dann nicht nur eine wunderschöne Harmonie mit exzellentem Trinkfluss, sondern geben dann auch wieder einen Touch Heimat zu erkennen. Sie sind, so wie Stefan Bietighöfer das weiter oben ja bereits selbst formuliert hat, keine aalglatten Geschöpfe. Sie fordern zum Dialog, öffnen sich dann aber bereitwillig all jenen, die sich mit ihnen beschäftigen und auf sie einlassen.

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Foto: A. Durst

Inspiratoren, Mentoren und Unterstützer

Ohne Inspiratoren, Mentoren und Unterstützer lassen sich so gigantische Veränderungsprozesse in den seltensten Fällen bewerkstelligen - so auch im Falle von Stefan Bietighöfer. Er selbst sagt dazu:

„Viel gelernt habe ich auf meinen Reisen. Da sind mir Menschen begegnet, die mich fasziniert und Weine, die mich begeistert haben. Und ich habe immer versucht rauszufinden, wie diese Menschen ticken, wie sie arbeiten, wie sie leben und wie sie genießen. Viel von dem, was ich da gesehen und erfahren habe, habe ich auch in mir entdeckt und zum Leben erweckt. Ein entscheidender weiterer Kick kam dann durch den Kontakt und später dann Freundschaft zu Stefan Dorst.

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Dorst & Consorten

Als die beiden 2008 aufeinandertrafen, war Stefan Dorst bereits ein ungemein erfahrener Önologe und Weinprofi, ein vinologischer Globetrotter und Berater, der für eine Vielzahl von zum Teil hochkarätigen Weingütern weltweit tätig war - u.a. für die Rotweinikone Friedrich Becker in Schweigen, Laibach in Stellenbosch und Venta d’Aubert im spanischen Aragon. In Landau führte er zudem einen kleinen Weinladen und schien - neben seinen Consulting-Tätigkeiten - noch Zeit und Muße zu haben, sich für neue, unkonventionelle Projekte zu begeistern.

Nicht nur ihre pfälzisch bodenständige Art, sondern beider Neugier, Abenteuerlust und die Leidenschaft für Wein und Genuss haben Stefan und Stefan im „Projekt für fortgeschrittene Genießer” zusammengeführt. Neben Stefan Bietighöfer sind noch ein paar andere junge Pfälzer Winzer beteiligt. Ihre Weine vermarkten sie unter dem Label “Dorst & Consorten”.

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„Le Dernier Cri“ und die Potenziale zweitklassiger Lagen

In diesem Gemeinschaftsprojekt von Stefan Bietighöfer und Stefan Dorst ist 2012 auch ein wunderbar feiner, eleganter Pinot entstanden, der auf den Namen “Le Dernier Cri” der letzte Schrei, hört. Frankophile Zeitgenossen werden erkennen, dass man „Le Dernier Cri“ auch als „Le Dernier Cru“, also die hintere Lage - in Abgrenzung zu den Premier und Grand Cru´s - deuten kann.

Während Stefan Bietighöfer mir den 2014er Jahrgang einschenkt, erklärt er mir:

„Die Trauben für diesen Pinot „Le Dernier Cru“ haben wir 2014 gelesen. Sie stammen nicht von den berühmten Lagen am Haardtrand, sondern von weitgehend unbekannten Parzellen hier in der Ebene rund um Mühlhofen. Dort sind sie auf leichtem Lössboden gewachsen. Hier hat die Rebe in der Regel sehr gute Wachstumsbedingungen, auch in stressigen Zeiten, z.B. in Trockenperioden, wenn Rebstöcke auf kargen, steinigen Böden schon mal ihre Photosynthese zurückfahren, weil Wasser fehlt.“

In der Nase zeigt dieser Pinot vor allem Wald- und Himbeeren, unterlegt mit etwas Süßholz und Würznoten. Am Gaumen brilliert er mit enormer Saftigkeit und einer tänzerischen Leichtigkeit und Eleganz, wie man sie nur von den allerbesten Pinots kennt. Jetzt im Alter von knapp 7 Jahren ist die Tanninstruktur bereits deutlich feinkörniger geworden und die Art, wie er sich im Mundraum anfühlt, schmeichelt mit einer wunderschön samtig-seidigen Textur.

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Der Mensch als Dirigent und Dimension von Terroir

Auf meine Frage, ob große Pinots denn nicht eigentlich immer von großen Lagen stammen, meint Stefan Bietighöfer:

„Aus meiner Sicht der Dinge ist die Welt der Weinbergslagen nicht einfach schwarz oder weiß, sondern bunt und gerade deshalb so spannend. Es gibt unzählige Lagen, die ihre weitgehend unerkannten und unterschätzten Qualitäten zeigen, wenn ein ambitionierter Winzer zu Werke geht. Der Faktor Mensch spielt eine herausragende Rolle, wenn wir über Terroir reden. Ein Winzer kann den besten Boden haben, aber wenn er das nicht gebacken bekommt und nicht weiß, wie er mit den Trauben umzugehen hat, dann kann es auch keinen guten und schon gar keinen großen Wein geben.“

Und in Gedanken füge ich hinzu:

„Wenn beides zusammenfällt, die exzellente Lage und der exzellente Winzer, dann kann ganz Außergewöhnliches entstehen.“

Grenzen des Wachstums

An einem Punkt unseres Gesprächs wird Stefan Bietighöfer sehr nachdenklich. Denn wenn er heute auf die vergangenen 10 bis 15 Jahre zurückblickt, wird ihm bewusst, dass das Tempo, das er angeschlagen hat, auf Dauer zu hoch ist. Auch wenn er seine Arbeit liebt und mit großer Begeisterung tagaus tagein zu Werke geht, sieht er doch auch die Gefahren, die im verborgenen liegen und so lange man jung ist, gerne übersehen werden.

„Noch vor zwei drei Jahren hätte ich jeden verspottet, der mir mit dem Thema Work-Life-Balance gekommen wäre. Nun ist es ein Thema, das mich sehr beschäftigt.“

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Aufbruch zu einem neuen Traum

Gar nicht so weit hinten am Horizont tut sich bereits eine Alternative auf. Stefan Bietighöfer hatte im Januar 2020 die Möglichkeit, die Villa Pistoria oben in Bad Bergzabern zu bewirtschaften. Dabei handelt es sich um ein arrondiertes Areal von dreieinhalb Hektar mit einem riesigen Kalkanteil im Unterboden. Momentan stehen dort noch Riesling, Silvaner und ein paar rote Rebsorten. Einiges davon hat Stefan Bietighöfer bereits gerodet und für 2021 plant er die ersten Neupflanzungen.

„Das läuft dann als eigenes Weingut, als eine Art Boutique-Weingut namens Villa Pistoria. Auf die rund 3,5 Hektar werden wir ausschließlich Chardonnay pflanzen und alles dann zu 100 Prozent biodynamisch bewirtschaften. Zwei unterschiedliche Chardonnay-Typen möchte ich dort auf Flaschen füllen. Eine kühle, schlanke und extrem vitale Stilistik a la Chablis und dann eine fettere, kraftvollere Variante mit mehr Holzeinsatz.“

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Wieder im Weinberg sein und sich die Reben kümmern

Wenn alles gut geht, wird es 2024 den ersten Jahrgang geben. Bis die Reben dann allerdings in ein Alter kommen, dass die Sache so richtig Spaß macht, werden weitere 15 bis 20 Jahre vergehen. Aber irgendwann, so der Wunsch von Stefan Bietighöfer, wird der Tag kommen, da er sein aktuelles Projekt „Weingut Bietighöfer“ an den Nagel hängt und sich mit seiner Familie in der Höhe über Bad Bergzabern niederlässt. Dann kann er auch wieder das tun, was er als Winzer am liebsten tut, nämlich im Weinberg sein und sich die Reben kümmern.

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Nächste Woche ist Gerd Bernhart zu Gast im Podcast „Genuss im Bus“

Nächste Woche ist mit Gerd Bernhart einer der stillen Stars der Szene zu Gast hier im Podcast von „Genuss im Bus“. Weil er ein echter Grenzgänger ist, hat er gelernt, offen und tolerant mit unterschiedlichen Lebensarten umzugehen. Er fühlt sich eher bereichert von ihnen als bedroht.

Er sagt: „Wir sind zuhause in Schweigen am südlichsten Zipfel der Südlichen Weinstraße, haben Weinberge hüben in der Pfalz genauso wie drüben im Elsass. Und sind uns einig mit unseren Nachbarn, was das gute Leben angeht.“

Bis dahin alles Gutte und lass es Dir schmecken!

Wolfgang

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