St-Chinian - Reise in eine aufstrebende Weinregion im südfranzösischen Languedoc

St-Chinian - Reise in eine aufstrebende Weinregion im südfranzösischen Languedoc


Vor ein paar Wochen habe ich das Languedoc und hier speziell das Anbaugebiet St-Chinian bereist und Ausschau nach neuen Entwicklungen und interessanten Weinen gehalten. Ich muss gestehen, dass ich mit der bangen Befürchtung aufgebrochen bin, nicht das vorzufinden, was ich mir so sehr wünschte: trinkige Weine mit Lokalcharakter.

Bei meinem letzten Besuch der Region vor etwa 7 Jahren war ich vor allem von den Rotweinen enttäuscht. Die einen gefielen mir nicht, weil sie voll bepackt waren mit massiven, rustikalen Gerbstoffen, die anderen nicht, weil sie aalglatt, gekeltert nach Vorbildern internationaler Moden daherkamen: heimat- und identitätslos.


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Ohne den Glanz anderer französischer Weinbaugebiete

In den Tagen vor Ort ist mir sehr viel Positives und manches Überraschende begegnet. Zur landschaftlichen Schönheit, die einen immer wieder staunen lässt, gesellt sich eine angenehme Bescheidenheit der Menschen. Alles wirkt hier sehr viel unaufgeregter und ohne den Glanz anderer französischer Weinbaugebiete. Hier geht es nicht um große Namen, sondern um wahre Werte im Glas. Die allerdings verbergen sich längst nicht in jeder Flasche. Die große Masse der Languedoc-Weine fällt noch immer in die Kategorie der einfachen, fruchtig-würzigen Alltagstropfen. Das schlägt sich auch in vergleichsweise moderaten Preisen nieder.

Einigen Regionen und Appellationen ist es in den vergangenen Jahren gelungen, sich aus dem Meer der Angebote herauszuheben und sich einen Namen für überdurchschnittliche Qualitäten und spanndere Weine zu machen. Zu diesen Regionen zählen für mich die "Terrasse du Larzac", "Pic St-Loup", "La Clape", "St-Chinian" und "Faugères".


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Gute natürliche Rahmenbedingungen

Das Languedoc, das sich über 250000 Hektar vom Rhônedelta im Osten bis zu den Bergriesen der Pyrenäen im Westen erstreckt, vom Südrand des Zentralmassivs bis hin zum Mittelmeer, ist eines der größten zusammenhängenden Weinanbaugebiete der Welt. Reben stehen hier schon seit Menschengedenken. Die kargen Hänge und das optimale Mikroklima in den sonnendurchfluteten, aber auch sehr windigen Hügellandschaften bieten für den Weinanbau exzellente natürliche Bedingungen. Der größte Teil der Reben steht auf flachem, tief gelegenem Schwemmlandboden, die besseren Lagen befinden sich jedoch weiter in der Höhe, manche sogar an ausgesprochen steilen Hängen. Das Klima ist mediterran, in manchen Jahren besteht die Gefahr allzu großer Trockenheit. Im Juli und August können die Tagestemperaturen auf fast 40 Grad klettern.


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Hitze und Trockenheit bereiten Probleme

Bis in die jüngere Vergangenheit hatten die Weine des Languedoc stark unter den schonungslosen Auswirkungen der mediterranen Hitze zu leiden. Die Folgen waren gekochte, überreif wirkende Aromen, hoher Alkoholgehalt und rustikale Gerbstoffe. Diese ländliche Derbheit haben auch heute längst noch nicht alle Weine überwunden, doch sie finden sich sehr viel seltener als früher.

Neuere Einsichten auf dem Feld der Weinbergsarbeit (Erziehungssysteme, Laubmanagement, Bodenbearbeitung) und vor allem die Möglichkeiten moderner Kellertechnik haben dazu beigetragen, dass selbst die einfachsten Gewächse stets sauber und mit der nötigen Frische in die Flasche kommen. Mehr Informationen und Hintergründe zu diesem Thema findest du in meinem Überblicks-Artikel "Rotwein".


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St-Chinian - eine Perle des Languedoc

Besonders ausgiebig hatte ich Gelegenheit in St-Chinian die Weine der Appellation kennenzulernen. Das Gebiet liegt wie eine Perle an einer Halskette zwischen Faugères im Osten und Minervois im Westen. Die Weinberge befinden sich etwa 25 bis 30 km vom Mittelmeer entfernt. An besonders klaren Tagen lässt es sich von den höchsten Weinbergen aus erspähen. Benannt wurde die Region nach dem Benediktiner Sanch Anian, der als einer der ersten im 8. Jahrhundert Reben in dieser Gegend anpflanzte.


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Die Appellation St-Chinian rouge

Im Jahr 1982 erreichten 20 Gemeinden den begehrten St-Chinian AOC-Status. Zwei Dörfer erhielten im Jahr 2005 eine besondere Anerkennung für ihren überdurchschnittlichen Qualitätsstandard: Roquebrun und Berlou durften fortan den Appellationsnamen mit dem Namen ihrer Gemeinden ergänzen. Berlou, westlich des Flusses Orb, liegt hauptsächlich auf Schieferweinbergen in den Ausläufern der Cevennen auf 150-400 m Höhe. Die Roquebrun-Weinberge liegen meist östlich der Orb, ebenfalls auf Schiefer und nur geringfügig tiefer. Die Unterschiede zwischen den beiden Appellationen sind meines Erachtens so gering, dass sie sich geschmacklich kaum bemerkbar machen. Insgesamt wirkten die Gewächse aus dem Bereich Berlou etwas dichter und strukturierter, vielleicht aufgrund des höheren Durchschnittsalters der Anlagen und des etwas höheren Carignan-Anteils.


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Stilistik der Rotweine

Die besten roten St-Chinian präsentieren sich heute so, wie man das noch bis vor wenigen Jahren für das Languedoc kaum für möglich gehalten hätte: fein, elegant und finessenreich. Sie besitzen ein wundervoll subtiles Aromenspektrum mit Noten von reifen Waldbeeren, Wildkräutern, Gewürzen und Lakritz, gelegentlich Cassisaromen und Anklänge an gerösteten Kaffee und Schokolade, zartes Zedernholz und feinwürzigen Tabak.

Am Gaumen beeindrucken sie durch enorme Fülle und Geschmacksreichtum, abgerundete und geschmeidige Tannine, milde Säure und eine cremige Textur. Bei aller Konzentration wirkt die jüngste Generation der neuen St-Chinian-Stilistik niemals übermäßig vom Alkohol geprägt und überladen, sondern stets harmonisch und ausbalanciert.

Es ist ein Segen, dass dank einiger „unverbesserlicher“ Winzer die alten Carignan-Bestände im Gebiet nicht komplett den EU-Rodungsprämien zum Opfer gefallen sind. Sie sind das Salz in der Suppe und oft die Basis der spannendsten Rotweine der Region.


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AOC St-Chinian Blanc

St-Chinian Blanc erhielt 2005 nach 12-jähriger Wartezeit ebenfalls den AOC-Status. Dies muss eine Mischung aus mindestens zwei Rebsorten sein, nicht mehr als 70% einer einzigen Sorte und immer mindestens 30% Grenache Blanc. Zu den wichtigsten Fusionspartnern zählen Marsanne, Roussanne und Vermentino (Rolle), aber auch Viognier, Clairette, Carignan Blanc, Bourboulenc und Macabeo sind möglich.


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Stilistik der Weißweine

Die Weißweine der neuen Generation aus St-Chinian beweisen aufregende Identität auf höchstem handwerklichen Niveau. Sie müssen sich hinter den bekannten Weißweinen der Welt nicht länger verstecken. Die Intensität ihrer Aromatik und ihr ausdrucksstarker Charakter machen sie zu einer spannenden Bereicherung eines jeden qualifizierten Weinsortiments.

Die Besten erinnern in Textur und Rasse an weißen Burgunder, beweisen dabei jedoch durchaus selbstbewußt eigenständiges Profil: mineralisch und tiefgründig würzig, oft ohne jede Frucht, dafür aber mit mächtig viel Kalk und Stein im Bukett, aromatisch fordernd und komplex. Ihr Gaumenauftritt ist rassig, straff und ungemein fokussiert, stets geprägt von saftiger Säure, die diese Weißweine schlank und präzise wie eine Rasierklinge über die Zunge führt. Die Basis solcher Tropfen sind in der Regel alte Anlagen in höheren Lagen aus den Sorten Grenache Blanc und Marsanne.


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Das Terroir in St-Chinian

Die Weinberge liegen meist auf Hügeln an den südöstlichen Hängen der Montagne Noire mit Blick auf das Meer. Geographisch teilt sich der Bereich in den nördlichen höher gelegenen Teil mit Schieferböden und in den südlichen Teil mit Ton- und Kalksteinböden.

Schieferböden

Auf den saueren Schieferböden werden in der Regel säure- und tanninärmere, fruchtigere und zugänglichere Weine erzeugt. Sie sind früher trinkreif und haben ein ausgeprägteres aromatisches Profil mit Noten reifer, dunkler Früchte. Bei ihnen dominiert Opulenz über Eleganz.


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Ton- und Kalksteinböden

Auf den helleren, säureärmeren Ton- und Kalksteinböden entstehen strukturiertere und tanninreichere Weine mit einem größeren Alterungspotenzial. Sie neigen zu einem hellen Rubin und bestechen am Gaumen durch frische Beerenfrüchte (Johannisbeere, Himbeere, Kirsche) und kräutrige Noten. Von diesen Böden kommen die eleganteren Weine des Gebietes.

Auf meinen ausgiebigen Spaziergängen durch die Weinlandschaften von St-Chinian musste ich dann allerdings feststellen, dass die Realität doch um ein Vielfaches komplexer ist. Ich entdeckte Schiefer-Weinberge im Süden und Kalkstein-Weinberge im Norden, säurebetonte Abfüllungen im Norden und Opulenz in Weinen aus dem Süden. Das Terroir von St-Chinian ist sehr vielfältig. Und ganz sicher sind die Weine von den unterschiedlichen Höhenlagen geprägt. Umso höher man kommt, desto windiger und frischer wird das Klima und desto lebendiger und erfrischender werden die auch die Weine.


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Rebsorten in St-Chinian

Und natürlich spielen auch die Rebsorten eine wichtige Rolle. Wie im gesamten Languedoc sind auch die roten St-Chinian Verschnitte aus mehreren einheimischen Sorten, allen voran Grenache, Syrah, Mourvèdre und Lledoner Pelut (haarige Grenache). Mit Abstand folgen Cinsault und Carignan. Winzer mit Weinbergen auf beiden Terroirs erzählten mir, dass sie ihre Sorten mit bewusstem Fokus auf den Boden pflanzten. Aber es ist mir nicht gelungen herauszubekommen, welche Rebsorte auf welchem Bodentyp am besten performt.


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Weinproduktion in St-Chinian

Rund 450 Winzer bewirtschaften 3.300 Hektar Rebfläche und produzieren 120.000 Hektoliter Wein, überwiegend Rotwein (89%). Etwa 10 Prozent entfällt auf weitgehend enttäuschenden Rosé. St-Chinian Blanc macht zwar nur 1% der Produktion aus, es handelt sich aber um in vielen Fällen um ausgesprochen schöne Exemplare, nach denen es sich lohnt Ausschau zu halten.

Eine bedeutende Anzahl von Winzern macht Wein für eine der acht Genossenschaften; tatsächlich haben von den 450 nur 100 ihre eigenen Keller. Ich hatte die Gelegenheit, Weine von drei der Genossenschaften zu probieren - der berühmten Cave de Roquebrun, der Cave de Berlou und der Cave des Vignerons de St-Chinian. Am besten haben mir die Weine der Cave de Berlou gefallen. Die Abfüllungen der beiden anderen waren alles in allem doch recht einfach und bescheiden.


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Die besten Weingüter

Die interessanteren Weine kommen von den privaten Weingütern. Sehr oft habe ich die klassischen, vermeintlich einfacheren Abfüllungen den "Reserve-Qualitäten“ gegenüber bevorzugt. Letztere wirken manchmal zu sehr gewollt und gemacht, entweder zu konzentriert und beladen oder mit übertrieben intensivem Holzeinfluss ausgestattet. Zum Glück gibt es eine Tendenz in die andere Richtung: hin zu eleganteren, leichteren und trinkigeren Weinen. Ich begrüße das sehr. Dann kommt das wundervolle Terroir der Appellation St-Chinian sicher noch sehr viel präziser, authentischer und - auch im Verhältnis zu den Nachbarregionen Faugères und Minervois - schmeckbarer in die Flasche. Erfreulicher Weise ist auch der Anteil an Bio-Weinen in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen.


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Meine Erzeuger-Empfehlungen für die AOC St-Chinian

Les Domaines Auriol

Domaine Bordes (bio)

Borie la Vitarèle (bio)

Château Castigno (bio)

Clos Bagatelle

Château Coujan (bio)

Domaine La Croix Sainte Eulalie

Château La Dournie

Domaine Les Éminades (bio)

Domaines des Jougla (bio)

Domaine la Lauzeta (bio)

Domaine la Madura

Mas Champart

Mas de Cyanique (bio)

Château du Prieuré des Morgues

Domaine Rimbert (bio)

Château Viranel


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3 Kommentare

  • Ein sehr informativer und interessant geschriebener Reisebericht. Mir gefallen auch die schönen Fotos.
  • Ich freue mich, liebe Gudrun, dass dir mein Reisebericht gefällt. Ich mag diese vergleichsweise bescheidene französische Weinregion sehr. Das z.T. übertriebene Gehabe anderer Regionen (Bordeaux, Burgund...) suchst du hier vergeblich. Alles ist wohltuend unaufgeregt. Hab eine gute Zeit. Auf bald!

    Liebe Grüße

    Wolfgang
  • Großartig geschrieben und fein bebildert. Vielen Dank für diesen Exkurs in eine wunderschöne Landschaft, deren Früchte Du so wertschätzend und sachkundig beschreibst, dass ich während des Lesens den Wein fast geschmeckt habe.

    Lieben Gruß und lieben Dank von Gudrun

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