Ein Trollinger Rosé für 100 Euro: Natürlich eignet sich dieser Wein als Provokation. Aber wer die Flasche lediglich als Marketingcoup betrachtet, übersieht, worum es eigentlich geht. Denn ein solcher Wein wird nicht allein in einem Jahrgang erzeugt. Er setzt Jahrzehnte voraus, in denen ein Betrieb Qualität entwickelt, Sichtbarkeit gewinnt und Vertrauen aufbaut.
Genau davon handelt mein Gespräch mit Matthias Aldinger: Wie wurde aus einem regional verwurzelten Familienweingut eine nationale und zunehmend internationale Referenz? Welche Entscheidungen waren dafür notwendig – und wie lässt sich eine starke Reputation an die nächste Generation übergeben, ohne dass sie zum bloßen Besitzstand wird?
*Diese Podcastfolge ist in bezahlter Zusammenarbeit mit dem Weingut Aldinger entstanden. Fragen, Gesprächsführung und redaktionelle Gestaltung lagen bei mir.*
Der Gips Trollinger Rosé führt unmittelbar ins Zentrum der Geschichte. Matthias Aldinger ließ den Trollinger hell keltern und im Holz wie einen ambitionierten weißen Burgunder ausbauen. Der erste Jahrgang umfasste nur ein Fass, rund 250 Flaschen. Rauchige Reduktion, salzige Spannung, herbe Phenolik und eine fast weißweinartige Struktur entfernen ihn weit von jener Vorstellung, die viele noch immer mit Trollinger verbinden.
Matthias bestreitet nicht, dass der Preis auch Aufmerksamkeit erzeugt. Entscheidend ist für ihn aber, dass der Wein diese Aufmerksamkeit im Glas rechtfertigt. Der Trollinger ist dabei weniger stilistische Hauptfigur als Träger einer bestimmten Herkunft: des Untertürkheimer Gips, jener Lage, die sein Großvater Gerhard 1973 langfristig pachtete und vollständig neu bestocken ließ.
Mit dem SINE zeigt Matthias eine andere Möglichkeit. Hier wird Trollinger nicht aufgeladen, sondern von allem befreit, was ihn kräftiger erscheinen lassen soll: keine Chaptalisation, ganze Trauben, spontane Gärung, keine Filtration und keine Schwefelzugabe. Das Ergebnis ist ein leichter, vitaler Rotwein, der seine Stärke gerade nicht aus Konzentration bezieht. Der Gips Rosé demonstriert, wie weit man Trollinger veredeln kann; der SINE zeigt, wie überzeugend die Sorte sein kann, wenn man ihr Leichtigkeit zugesteht.

Die Entwicklung des Weinguts verlief nicht nach einem ausgearbeiteten Masterplan. Gerhard Aldinger schuf die materielle Grundlage und wagte mit dem Untertürkheimer Gips den Sprung von etwa drei auf dreizehn Hektar. Die damals ungewöhnliche Verpflichtung, die dort erzeugten Weine trocken auszubauen, verschaffte dem Betrieb ein frühes Differenzierungsmerkmal.
Sein Sohn Gert wollte Württemberg aus der Welt der einfachen Zechweine herausführen. Er reduzierte Erträge, pflanzte internationale Rebsorten, suchte den Vergleich mit großen Weinen und baute über Gastronomie, Fachhandel und den VDP eine überregionale Präsenz auf. Entscheidend war dabei nicht nur sein Qualitätsanspruch, sondern seine Fähigkeit, Ideen zu kommunizieren und Menschen für sie zu gewinnen.
Hansjörg und Matthias stiegen 2005 beziehungsweise 2007 in den Betrieb ein; die formelle Übergabe folgte 2018. Die wesentlichen Entscheidungen trafen sie jedoch bereits erheblich früher. Neue Kellertechnik, der SINE, die ökologische Bewirtschaftung und der Aufbau einer eigenständigen Sektproduktion zeigen, dass sie keinen fertigen Betrieb lediglich verwalteten.
Matthias beschreibt seine Kellerarbeit als „kontrolliertes Nichtstun“. Gemeint ist damit kein passives Laissez-faire. Auf Schönung, Reinzuchthefen, starke Schwefelung oder schematische Gärführung zu verzichten, verlangt vielmehr permanente Beobachtung. Während der Lese kontrolliert er jedes gärende Gebinde täglich selbst.
Auch Ganztrauben, Holz und Reduktion sind keine unveränderlichen Elemente einer Aldinger-Rezeptur. Sie werden an Jahrgang, Parzelle und Traubenmaterial angepasst. Gerade angesichts des Klimawandels verschieben sich die Parameter: weniger Entblätterung, frühere Lese, stärkere Beachtung kühlerer Expositionen und ein anderes Verständnis von Ertragsregulierung.

Besonders aufschlussreich ist das Projekt Marcène. Seit 2022 verarbeitet Matthias Pinot-Noir-Trauben aus Marsannay in Fellbach. Ihn interessierte nicht, einen möglichst burgundisch klingenden Wein zu produzieren, sondern eine präzisere Frage: Wie schmeckt ein burgundischer Ort durch die eigene Handschrift?
Im direkten Vergleich mit dem Marienglas Spätburgunder wird die Differenz greifbar. Der Marcène wirkt in seiner Jugend fruchtbetonter, runder und zugänglicher; das Marienglas strenger, rauchiger und mineralischer. Für Matthias dominiert bei jungen Weinen zunächst stärker die Handschrift. Mit der Flaschenreife trete der Ort deutlicher hervor.
Auch der Lämmler Lemberger erzählt von diesem Lernprozess. Früher wurden die Trauben später gelesen und stärker extrahiert. Heute sucht Aldinger Frische, Eleganz und eine feinere Textur. Das Ergebnis muss nicht als „burgundisch“ legitimiert werden. Es lässt sich selbstbewusst als zeitgemäße, eigenständige Interpretation des Lembergers verstehen.
Am Ende des Gesprächs formuliert Matthias einen bemerkenswert unspektakulären Maßstab für Erfolg: In zehn Jahren möchte er aus der Schatzkammer eine beliebige Flasche ziehen können – gleichgültig, ob Gutswein oder Spitzengewächs – und feststellen, dass sie gut gereift ist und ihr Qualitätsversprechen erfüllt.
Darin liegt vielleicht die eigentliche Stärke des Weinguts Aldinger. Reputation zeigt sich nicht nur darin, dass ein Betrieb einen Trollinger für 100 Euro verkaufen kann. Sie zeigt sich darin, ob dieses Vertrauen durch jede einzelne Flasche immer wieder neu gedeckt wird.
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