Württemberg hat es außerhalb der eigenen Region nicht immer leicht. Zu schnell sind die alten Bilder zur Hand: Trollinger, Viertele, Besenwirtschaft, Genossenschaftswein. All das gehört zur Geschichte dieser Weinlandschaft – aber es reicht längst nicht mehr aus, um sie zu verstehen. Wer heute genauer hinschaut, entdeckt eine Region, die sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert hat: weniger laut als manche andere, aber konsequent, pragmatisch und mit wachsendem Selbstbewusstsein.
Ein gutes Beispiel dafür ist das Weingut Bernhard Ellwanger in Großheppach im Remstal. Mein Gast in der aktuellen Podcastfolge ist Sven Ellwanger, der den Betrieb gemeinsam mit seiner Schwester Yvonne führt. Während Sven vor allem für Weinberg, Keller und die vielen bürokratischen Anforderungen zuständig ist, prägt Yvonne besonders Verkauf, Marketing und Außenwirkung mit. Auch das erklärt, warum Ellwanger trotz großer Sortenbreite stabil wirkt: Hier geht es nicht um eine einzelne Winzerfigur, sondern um ein gemeinsam geführtes Familienweingut.
Sven beschreibt das Remstal als schmales Seitental des Neckars mit großen Temperaturunterschieden. Über den Weinbergen liegen kühle Wälder, zugleich gibt es warme Südlagen, in denen anspruchsvolle Rotweine entstehen können. Die Weinberge reichen bis auf rund 400 Meter Höhe, manche Lagen sind deutlich steil. Auch geologisch ist das Gebiet vielschichtig: Gipskeuper, bunte Mergel, Schilfsandstein, Kieselsandstein und Stubensandstein prägen die Standorte.
Gerade diese Unterschiede sind für Sven nicht nur landschaftlich interessant, sondern im Wein schmeckbar – besonders bei Riesling und Spätburgunder. Mineralität, so sagt er, zeige sich weniger im Duft als am Gaumen: in Salzigkeit, Spannung, Länge und Struktur.
Für die Aufnahme haben wir bewusst nicht die naheliegenden Prestigeweine ausgewählt. Im Glas standen ein Muskat-Trollinger Rosé, ein Roter Riesling und eine Lemberger-Syrah-Cuvée. Drei Weine, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken, zusammen aber viel über Ellwanger und über Württemberg erzählen.
Der Muskat-Trollinger Rosé führt zurück in die regionale Trinkkultur, aber in moderner Übersetzung. Er duftet nach Rose, Litschi und roter Frucht, ist trocken ausgebaut, frisch und leicht, besitzt aber durch einen kleinen Anteil maischevergorener Partie zusätzlichen Grip. Ein Wein, der zeigt, dass Frucht, Duftigkeit und Zugänglichkeit nicht banal sein müssen.
Der Rote Riesling erzählt eine besonders schöne Geschichte. In einer alten Rieslinganlage entdeckte die Familie eine Mutation: eine Fruchtrute trug weiße Rieslingtrauben, eine andere rötliche Beeren. Aus diesem Zufall wurde über Rebhölzer eine eigene Selektion aufgebaut. Heute steht daraus ein Wein im Glas, der fülliger, körperreicher und säureärmer wirkt als klassischer Riesling – und dennoch eine eigene Riesling-Spur bewahrt.
Die Lemberger-Syrah-Cuvée schließlich führt mitten in die Gegenwart Württembergs. Lemberger bringt kühle Beerenfrucht, Frische und regionale Lesbarkeit; Syrah ergänzt Würze, Körper, Pfeffer, dunklere Noten und Struktur. Hier begegnen sich Herkunft und Öffnung, regionale Identitätsrebe und internationale Sorte erstaunlich selbstverständlich.
Auch Junges Schwaben spielt im Gespräch eine wichtige Rolle. Die Gruppe entstand einst aus Freundschaft, Austausch und dem Wunsch, Württemberg anders zu zeigen. Heute sind aus den jungen Wilden etablierte Betriebe geworden, doch der Austausch lebt weiter.
Spannend ist auch Svens Blick auf Bio-Weinbau. Für ihn geht es nicht nur um den Wechsel im Pflanzenschutz, sondern vor allem um Bodenaufbau, Humus, Begrünung und die langfristige Vitalität der Reben. Gerade in heißen, trockenen Jahren wird der Boden zum entscheidenden Speicher für Wasser, Nährstoffe und Stabilität.
Bemerkenswert ist außerdem, wie selbstverständlich Sven über alkoholfreie Produkte spricht – nicht als Notlösung, sondern als ernstzunehmende Erweiterung eines zeitgemäßen Weinguts. Auch Piwis, Weißwein, Export und eine behutsame Straffung des Sortiments werden in Zukunft wichtige Themen sein. Gleichzeitig bleibt die starke Privatkundschaft ein Fundament des Betriebs.
Vielleicht ist genau das die Stärke dieses Weinguts: Es macht kein großes Getöse. Aber im Glas erzählt es ziemlich viel. Über das Remstal, über Württemberg und über eine Region, die noch immer unterschätzt wird – obwohl sie längst mehr Aufmerksamkeit verdient.
Was denkst du?