Etna: Schmeckt man den Vulkan?

Etna: Schmeckt man den Vulkan?
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Etna: Schmeckt man den Vulkan?

Warum eine der spannendsten Herkünfte Italiens viel komplexer ist als Lava, Nerello Mascalese und „vulkanische Mineralität“

Kaum eine Weinregion Europas macht es uns so leicht, an Herkunft zu glauben wie der Etna. Schwarze Lava, Asche, alte Alberello-Reben, Höhenlagen bis weit über 800 Meter und darüber der gewaltige, aktive Vulkan. Die Bilder scheinen die Geschichte der Weine gleich mitzuliefern.

Aber was davon schmecken wir tatsächlich?

Auslöser für meine neue Folge von **Genuss im Bus** war die Frage eines Fahrgasts, der einige Tage am Etna unterwegs gewesen war. Er hatte sehr unterschiedliche Weine probiert und wunderte sich: Wenn überall vom Vulkan gesprochen wird – warum schmecken die Weine dann so verschieden?

Eine einfache Frage, die ziemlich tief in das führt, was Herkunft eigentlich bedeutet.

Das Potenzial war da – große Weine mussten erst entstehen

Weinbau am Etna ist alt. Auch die Etna DOC gibt es bereits seit 1968. Trotzdem gehörte die Region noch jahrzehntelang nicht zu den bedeutenden Herkünften Italiens. Wein und Most vom Berg wurden vielfach als anonymer Rohstoff vermarktet und nach Norditalien oder Frankreich verkauft.

Viele Voraussetzungen für bemerkenswerte Weine waren vorhanden: alte Reben, große Höhenunterschiede, autochthone Sorten und eine enorme Vielfalt an Standorten. Aber daraus entstanden lange nur selten Weine, die dieses Potenzial wirklich zeigten.

Es brauchte Menschen, die begannen, andere Fragen zu stellen.

Einer der entscheidenden Pioniere war Giuseppe Benanti. Seit den 1980er-Jahren beschäftigte er sich systematisch mit den Sorten und unterschiedlichen Bereichen des Vulkans. Bemerkenswert ist dabei, dass die qualitative Neuorientierung des Etna keineswegs nur über Nerello Mascalese verlief. Mit dem erstmals 1990 kommerziell erzeugten **Pietra Marina** zeigte Benanti früh, welches Potenzial Carricante am Osthang rund um Milo besitzt.

Später sorgten Produzenten wie Passopisciaro, Terre Nere, Frank Cornelissen oder Graci dafür, dass der Etna international immer stärker wahrgenommen wurde.

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Nerello Mascalese ist weder Pinot Noir noch Nebbiolo

Für diese neue Herkunft brauchte die internationale Weinwelt zunächst vertraute Vergleiche.

Nerello Mascalese erinnerte mit seiner hellen Farbe, seiner Transparenz und seinen roten Fruchtaromen an Pinot Noir. Seine Säure, das ausgeprägte Tannin und seine Reifefähigkeit führten wiederum zum Vergleich mit Nebbiolo.

Beides hilft – und beides führt irgendwann in die Irre.

Denn gerade das Tannin von Nerello Mascalese kann herb, trocken und beinahe staubig wirken. Gute Weine müssen nicht seidig oder ätherisch sein. Ihre besondere Spannung kann gerade aus dem Kontrast zwischen heller Erscheinung und ernsthafter Struktur entstehen.

Hinzu kommt, dass der heute so selbstverständlich erscheinende reinsortige Nerello selbst Teil der jüngeren Etna-Geschichte ist. Traditionell waren gemischte Pflanzungen verbreitet; Nerello Cappuccio und weitere Sorten gehörten zur roten Weinwirklichkeit des Berges.

Auch unsere Vorstellung davon, wie „typischer Etna“ schmecken soll, ist also historisch gewachsen.

Es gibt nicht den einen Etna

Der vielleicht wichtigste Punkt ist jedoch: Der Vulkan ist kein einheitliches Terroir.

Der Nordhang rund um Randazzo und Castiglione di Sicilia unterscheidet sich deutlich vom Osten um Milo. Höhe, Exposition, Niederschlag, Wind und Temperaturverläufe verändern sich. Ebenso wenig gibt es „den vulkanischen Boden“. Unterschiedlich alte Lavaströme, Ascheschichten und verschiedene Verwitterungsstadien schaffen ein komplexes Mosaik.

Deshalb halte ich auch wenig von der allzu einfachen Vorstellung, man könne Lava direkt im Wein schmecken.

Natürlich ist der vulkanische Untergrund relevant. Aber interessant wird er dort, wo er die Wachstumsbedingungen beeinflusst: Drainage, Wasserverfügbarkeit, Wärmespeicherung, Durchwurzelbarkeit oder den Verlauf der Reife.

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Der Vulkan liefert kein Aroma. Er liefert Bedingungen.

Contrade: Herkunft im Zeitraffer

Seit 2011 können einzelne Contrade offiziell auf dem Etikett erscheinen. Namen wie Calderara Sottana, Rampante oder Santo Spirito besitzen inzwischen erhebliches Prestige.

Das ist sinnvoll, weil es den pauschalen Begriff „Etna“ differenziert. Gleichzeitig entsteht hier eine Herkunftsordnung mit erstaunlicher Geschwindigkeit.

In Burgund wurden Lagen über Jahrhunderte beobachtet, verglichen und hierarchisiert. Am Etna entstehen solche Bewertungen innerhalb weniger Jahrzehnte – während der Markt bereits Preise und Prestige verteilt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wissen wir tatsächlich schon, wie eine bestimmte Contrada schmeckt? Oder kennen wir vor allem die berühmten Produzenten, die dort arbeiten?

Und dann ist da Carricante

Besonders spannend wird diese Frage am Osthang rund um Milo. Hier verändert sich nicht nur das Klima, sondern auch die Rebsorte.

Etna Bianco Superiore darf ausschließlich aus der entsprechenden Zone von Milo stammen und muss mindestens 80 Prozent Carricante enthalten. Gute Carricante-Weine leben weniger vom spektakulären Vulkanbild als von Säurearchitektur, phenolischem Griff, zitrischer Spannung und Länge.

Vielleicht zwingt uns gerade Carricante deshalb, den Etna genauer zu betrachten.

Nicht als „Burgund des Mittelmeers“. Nicht als Vulkanwein mit vermeintlich schmeckbarer Lava.

Sondern als eine Herkunft, deren Qualität gerade in ihrer inneren Differenz liegt.

Der Etna ist heute berühmt. Die spannendere Phase könnte aber erst beginnen: herauszufinden, wie unterschiedlich dieser Berg tatsächlich schmecken kann.

Genau darum geht es in meiner neuen Folge von Genuss im Bus – Fahrgast-Fragen: „Etna: Schmeckt man den Vulkan?"


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