wolfgangstaudt.com https://www.wolfgangstaudt.com/blog/ Tue, 28 Apr 2026 04:52:47 +0000 de-DE hourly 1 Frankreich 2026: Labor der Disruption - Das Grand-Cru-Paradoxon https://www.wolfgangstaudt.com/blog/burgund/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/burgund/#comments Sun, 19 Apr 2026 17:03:46 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/burgund/ Weiterlesen

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Frankreich 2026: Labor der Disruption - Das Grand-Cru-Paradoxon

Wie Burgunds Hierarchie ins Rutschen gerät

In der letzten Podcast-Folge sind wir durch Bordeaux gefahren und haben gesehen, wie ein altes Bodenmodell unter neuen Bedingungen seine Selbstverständlichkeit verliert. Kies war König – und plötzlich wird Wasserhaltefähigkeit wichtiger als perfekte Drainage. Die Resilienzkarten verschieben sich.

Heute fahren wir in ein anderes Herzstück des französischen Weins. Und wenn Bordeaux das große Modell der gebauten Herkunft ist, dann ist Burgund das Gegenmodell: die Radikalisierung des Ortes.

Hier soll nicht das Château ordnen. Hier soll die Lage sprechen.

Hier soll nicht Assemblage die Wahrheit bauen, sondern der Climat sie freilegen.

Hier ist die große Erzählung nicht: Wie organisiert man Unterschiede?

Sondern: Wie fein kann man sie voneinander unterscheiden?

Und genau deshalb ist Burgund heute so spannend. Denn wenn ein System wie dieses unter Druck gerät, dann kippt nicht bloß ein Stil. Dann gerät die Hierarchie selbst ins Rutschen.

Ich habe wieder eine Fahrgastfrage im Gepäck. Eine Hörerin schreibt:

Wenn im Burgund doch jede Parzelle historisch so genau hierarchisiert wurde – Grand Cru, Premier Cru, Village –, was passiert dann eigentlich, wenn der Klimawandel genau diese alte Logik aushebelt? Kann es sein, dass heute kühlere Randlagen spannender sind als die berühmtesten Stücke der Côte d’Or?

Ja. Genau darüber müssen wir sprechen.

Schnallt Euch an. Wir fahren heute nicht nur durch Weinberge. Wir fahren durch ein System, dessen ganze Glaubwürdigkeit an Stabilität hängt. Wir fahren ins Zentrum des Grand-Cru-Paradoxons.

1. Eine Handvoll Erde, teurer als ein Haus

Stellt Euch vor, wir steigen irgendwo an der Côte de Nuits aus. Vielleicht unterhalb eines berühmten Hangs. Vielleicht in Gevrey-Chambertin, vielleicht in Vosne-Romanée, vielleicht irgendwo dort, wo die Namen auf der Flasche längst mehr sind als Herkunft – wo sie Kapital, Begehren und Weltanschauung geworden sind.

Man bückt sich, nimmt eine Handvoll Erde auf, schaut den Hang hinauf, sieht die Zeilen, die perfekte Exposition, die enge, fast kanonische Geometrie dieser Landschaft – und man weiß: Diese Erde ist in gewisser Weise wertvoller als vieles, was man im Alltag je besitzen wird. Eine winzige Parzelle in einem Grand Cru kann heute Werte repräsentieren, für die man anderswo ein Haus, manchmal mehrere Häuser kaufen würde. Burgund ist nicht nur Wein. Burgund ist eine Konzentratkultur von Wert.

Und diese Wertordnung war historisch keineswegs bloß Mythos. Sie hatte ihren Grund. Die besten Lagen waren die, die in einem kühleren Grenzraum Reife am zuverlässigsten ermöglichten. Südost- bis Ostexposition, gute Sonneneinstrahlung am Vormittag, Schutz vor überhitzten Nachmittagen, Drainage, Hangneigung, Bodentiefe – all das machte diese Lagen über Jahrhunderte plausibel überlegen. Grand Cru war nicht bloß Prestige. Grand Cru war im Kern die Behauptung: Hier gelingt Reife, Balance und Tiefe zuverlässiger als anderswo.

Und jetzt kommt die Zumutung der Gegenwart: Was passiert mit einer solchen Hierarchie, wenn genau der Vorteil, auf dem sie beruht, unter neuen thermischen Bedingungen zum Risiko wird?

2. Burgund – die Radikalisierung des Ortes

Bevor wir an diesen Punkt gehen, muss kurz klar sein, warum Burgund anders tickt als Bordeaux.

Burgund ist das große französische Modell der Ortsschärfung. Nicht der Blend ist hier das Zentrum, sondern die Parzelle. Nicht die geordnete Vielstimmigkeit, sondern die maximale Differenz zwischen kleinsten Einheiten. Climats, lieux-dits, Hangteile, Expositionen, Bodentiefen, winzige Übergänge von einem Wein zum nächsten – Burgund wurde groß, weil es behauptet hat, dass der Wein auf engstem Raum seine Identität verändern kann.

Das Besondere ist: Diese Behauptung ist nicht bloß poetisch. Sie ist im Kern naturwissenschaftlich und historisch zugleich. Burgunds Prestige lebt davon, dass man glaubte – und oft ja auch tatsächlich schmecken konnte –, dass diese Unterschiede real, lesbar und konsistent genug sind, um ein hierarchisches System zu rechtfertigen. Grand Cru über Premier Cru, Premier Cru über Village, Village über Bourgogne. Das ganze System lebt davon, dass diese Differenz glaubwürdig bleibt.

Das heißt aber auch: Burgund ist verwundbarer, als es von außen wirkt. Denn sobald die Naturbedingungen, die diese Differenzierung über Jahrhunderte plausibel gemacht haben, kippen, steht nicht nur ein Stil auf dem Spiel. Dann steht der ganze Anspruch auf stabile Hierarchie auf dem Spiel.

3. Das Grand-Cru-Paradoxon

Und genau hier beginnt das Grand-Cru-Paradoxon.

Die historische Superiorität vieler Grand-Cru-Lagen beruhte auf ihrer thermischen Vorzugsposition. Expositionen nach Südosten bis Osten, morgendliche Sonnenfenster, die Reife förderten, ohne zu brutal zu überhitzen, eine mesoklimatische Optimalzone für Pinot Noir in einem eher kühlen Raum. Das war über lange Zeit ideal. Genau deshalb wurden diese Lagen groß. Genau deshalb wurden sie teuer. Genau deshalb hat das Burgund ihnen seine höchste symbolische und ökonomische Autorität zugewiesen.

Das Paradoxe ist nun: Dieselbe Exposition, dieselbe Hanglage, dieselbe Wärmebegünstigung kann unter +2 Grad Erwärmung oder in Serien sehr heißer Jahre plötzlich zu viel des Guten werden. Dann wird aus dem Reifevorteil eine Überreifefalle. Die Lage verliert nicht ihren Namen. Aber sie verliert einen Teil ihrer alten Selbstverständlichkeit. Genau das meinen wir mit dem Grand-Cru-Paradoxon.

Modellierungen und jüngere Jahrgänge deuten genau in diese Richtung. 2022 war in der Côte d’Or thermisch extrem. Die Lese begann ungewöhnlich früh, in der Côte de Nuits teils schon Ende August. In warmen Südlagen stiegen die pH-Werte deutlich an; in der Spitze wurde von über 3,60 bei Pinot Noir berichtet. Und plötzlich zeigten klassische Grand-Cru-Parzellen in der Verkostung eine Schwere, die man historisch nicht mit ihrer Größe verbunden hätte: hohe Extraktwerte, weniger aromatische Differenz zwischen benachbarten Climats, mehr Pflaume und Trockenfrucht, weniger nervige Kontur.

Das ist der entscheidende Punkt:

Die besten Lagen werden nicht automatisch schlecht.

Aber sie werden nicht mehr automatisch die plausibelsten.

Und genau darin liegt die Zumutung für das ganze System.

4. Das Gegenbild: 2021 und die kühlen Ränder

Um das wirklich zu verstehen, braucht man das Gegenbild.

Denn das Grand-Cru-Paradoxon wird erst sichtbar, wenn man einen kühlen oder moderateren Jahrgang danebenstellt. Und hier ist 2021 fast lehrbuchhaft.

2021 war durch Spätfrost, moderate Sommerwärme und spätere Lese geprägt. In so einem Jahr zeigten plötzlich kühle Randlagen – Hautes-Côtes de Nuits, Maranges, nordexponierte Auxey-Duresses – eine Präzision, die fast wie eine Erinnerung an ältere Burgund-Jahrgänge wirkte: straffere Säurestruktur, klarere Textur, weniger Schwere, mehr Zug. Was früher agronomischer Nachteil war – mehr Höhe, kühlere Exposition, verzögerter Austrieb – wurde unter den Bedingungen der Erwärmung zu einer Art thermischer Pufferkapazität. Die Hautes-Côtes liegen 50 bis 80 Meter höher als die klassische Hangkante; selbst eine halbe Gradstufe weniger kann plötzlich stilistisch enorm viel bedeuten.

Das heißt nicht, dass die Hautes-Côtes auf einmal Grand Cru sind. Aber es heißt sehr wohl: Die alte Vorstellung, dass „oben“ oder „weiter draußen“ automatisch der mindere Raum sei, trägt nicht mehr in derselben Weise wie früher.

Und 2024 – bei aller Komplexität durch Pilzdruck und wechselhafte Bedingungen – zeigt in Ansätzen dasselbe Muster. Einige Produzenten in den Hautes-Côtes berichten von besserer Frischebalance als in tiefer gelegenen Parzellen. Das heißt: Es geht nicht um eine einmalige Ausnahme. Es geht um eine strukturelle Verschiebung, die nun in mehreren Jahrgängen sichtbar wird.

Für ein System wie Burgund ist das hochbrisant. Denn wenn thermische Nischen sich verschieben, verschiebt sich nicht nur Stil. Dann verschiebt sich die Plausibilität der Rangordnung.“

Und bevor wir das jetzt ins Glas holen, müssen wir noch an einen Ort, der in dieser Burgund-Frage leicht unterschlagen wird: nach Chablis.

Denn Chablis zeigt, dass burgundische Autorität nicht nur aus Wärme, Hangprivileg und Reifevorteil entstehen kann. Chablis ist das nördliche Korrektiv des ganzen Burgund-Bildes. Hier geht es nicht zuerst um Schmelz und Wärmefenster, sondern um Kalk, Kühle, Salzspannung und Risiko. Die klassische Hierarchie des Gebiets – also Chablis, Premier Cru, Grand Cru – steht auf den kimmeridgischen Kalkmergeln, die Wasser besser puffern und den Weinen mehr Tiefe und Tragfähigkeit geben als die oft schlankeren, direkteren Portland-Böden des Petit Chablis. Das ist keine Fossilienromantik, sondern funktionale Geologie: Wasserhaushalt, Pufferkapazität, Stressregulation. Genau daraus entsteht diese andere, straffere Form burgundischer Größe.

Und genau deshalb ist Chablis heute so interessant. Denn auch dort gerät die alte Hierarchie unter Druck. Die berühmten südwestlich exponierten Grand-Cru-Lagen, historisch ein Reifevorteil im kühlen Norden, können in heißen Jahren plötzlich zu viel des Guten sein. Dann halten etwas weniger privilegierte, leicht schattigere Lagen die Spannung besser. Auch dort gilt also: Der Rang verschwindet nicht — aber seine automatische Plausibilität wird brüchiger.

Gleichzeitig ist Chablis ein Hochrisikoraum. Frost, Hagel, Mehltaudruck, vernässte Böden, winzige Erträge — 2024 hat das brutal gezeigt. In so einem Jahr entscheidet nicht nur der Ort, sondern auch die Selektion, das Timing, die Geduld. Chablis ist damit fast ein Stresstest des Burgund-Modells: ein Raum, in dem Präzision nicht nur teuer, sondern klimatisch immer verletzlicher wird. Und genau deshalb gehört Chablis in diese Burgund-Frage unbedingt hinein.“

„Und wenn man das mitdenkt, dann wird erst richtig verständlich, was sich heute im Glas verschiebt.

5. Was das im Glas bedeutet

Jetzt holen wir das ins Glas.

Stellt Euch zwei Burgunder vor.

Im ersten Glas ein Wein aus einer historisch privilegierten, warmen Grand-Cru-Lage in einem sehr heißen Jahr. Das Etikett ist groß. Der Preis ist groß. Die Erwartung ist riesig. Im Glas: reife, dunkle Frucht, viel Extrakt, Breite, vielleicht eindrucksvolle Dichte. Und doch fehlt etwas. Der Wein besitzt Gewicht, aber nicht unbedingt Luft. Er hat Material, aber die innere Spannung ist reduziert. Vielleicht wirkt er einen Tick zu reif, einen Tick zu breit, einen Tick zu sehr auf Fülle gebaut. Nicht grob. Nicht banal. Aber irgendwie weniger präzise, als man es vom großen Burgund erhofft.

Im zweiten Glas ein Village oder ein Wein aus kühlerer, höherer, schattigerer Lage. Weniger Status. Weniger Kapital auf dem Etikett. Vielleicht sogar weniger Komplexität im großen Sinne. Aber am Gaumen ist der Wein aufgerichteter. Mehr Nerven. Mehr innere Definition. Mehr von jener burgundischen Delikatesse, die nicht aus Größe, sondern aus Proportion entsteht.

Genau da beginnt das Grand-Cru-Paradoxon zu schmerzen. Denn es betrifft nicht nur den Wein. Es betrifft die Frage, ob der Rang noch das hält, was er verspricht.

Und das ist wichtig: In Burgund wird nicht nur Wein bezahlt. Es wird Differenz bezahlt. Das System funktioniert nur, wenn die sensorische Differenz zwischen Village, Premier Cru und Grand Cru glaubwürdig erscheint. Sobald diese Differenz in heißen Jahren unschärfer wird, beginnt ein viel tieferes Problem.

6. Höherer pH, geringere Säure – und warum Low Intervention heikler wird

An diesem Punkt wird es önologisch interessant.

Mit zunehmender Reife bei höheren Temperaturen verändert sich in Burgund das organische Säureprofil fundamental. Die Gesamtsäure sinkt, pH-Werte steigen, Äpfelsäure wird stärker abgebaut. Historisch bewegten sich viele Pinot-Noir-Lesen deutlich tiefer; heute liegen Grand-Cru-Pinots in warmen Jahren viel häufiger in einem Bereich von 3,40 bis 3,65 pH. Und das ist keine bloße Laborästhetik. Es hat ganz reale Folgen im Keller.

Je höher der pH, desto weniger wirksam ist freies SO₂ – und zwar in seiner mikrobiologisch aktiven Form, also genau dort, wo es schützend eingreifen soll. Was früher mit moderaten Schwefelgaben relativ stabil gehalten werden konnte, wird heute heikler. Brettanomyces, Oxidation, flüchtige Säure, generelle mikrobiologische Fragilität – all das wird wahrscheinlicher, wenn die Weine wärmer, weicher und chemisch weniger gepuffert aus der Gärung kommen.

Und genau hier wird ein zweiter Mythos der Gegenwart interessant: Low Intervention.

In kühlen, säurestarken Jahrgängen konnte schwefelarme oder naturweinähnliche Vinifikation oft aus einem stabileren Fundament heraus arbeiten. Das Klima trug sozusagen mit. Unter den Bedingungen eines warmen Burgunds mit höherem pH wird dasselbe ästhetische Ideal viel riskanter. Der Verzicht auf SO₂, minimalistische Kellerführung, spontane Gärungen, fragilere Holznutzung – all das wird bei chemisch weniger geschützten Weinen schnell zum Vabanquespiel. Nicht ästhetisch. Ganz praktisch.

Das heißt nicht, dass Naturwein in Burgund nicht möglich wäre. Aber es heißt: Die gleiche Geste, die früher als radikale Authentizität erschien, wird heute viel stärker zur Frage von mikrobiologischer Disziplin. Und genau dort liegt das eigentliche Problem. Nicht jede low-interventionistische Pose hält den Bedingungen des warmen Burgunds stand.

7. Der fragmentierte Erbe

Jetzt verlassen wir den Keller wieder und schauen auf die menschliche Seite dieser Krise.

Denn Burgund ist nicht nur Klimafrage. Burgund ist auch Erbfrage.

Das System ist extrem wertvoll geworden. Und genau deshalb wird es im Inneren immer schwerer bewohnbar. Viele Domaines sind historisch fragmentiert. Ein paar Reihen hier, ein halber Hektar dort, eine kleine Beteiligung an einem Premier Cru, vielleicht ein Achtel an einer berühmten Parzelle. Auf dem Papier sind das Vermögen. Im Alltag sind es oft schwierige Existenzen.

Stellt Euch jemanden vor, der einen Anteil an einer sehr wertvollen Lage erbt. Formal ist diese Person plötzlich Miteigentümer eines Vermögenswerts, der Millionen repräsentieren kann. Praktisch kann sie davon nicht automatisch leben. Sie muss Geschwister auszahlen, Flächen pachten, mit anderen Eigentümern kooperieren oder zusehen, wie externe Investoren deutlich attraktivere Summen bieten als jede innerfamiliäre Lösung.

Das ist die Figur des fragmentierten Erben: nominell reich, praktisch unter Druck.

Und dieser Druck ist nicht bloß emotional. Er verändert das System. Flächen wandern in die Hände kapitalkräftiger Investoren. Domaines müssen mit Bodenpreisen umgehen, die sich aus dem landwirtschaftlichen Ertrag allein nie mehr rechtfertigen lassen. Pacht wird wichtiger als Eigentum. Die Distanz zwischen romantischem Kleinbetrieb und realem Kapitalmarkt wird immer kleiner.

Burgund bleibt damit begehrenswert. Aber es wird zugleich immer schwerer, das burgundische Ideal als lebbares Handwerkssystem zu erhalten.

8. Das Substitutions-Paradoxon

Und dann kommt noch eine weitere Bewegung hinzu, die man leicht übersieht: das Substitutions-Paradoxon.

Informierte Käufer reagieren auf das Grand-Cru-Paradoxon erstaunlich rational. Wenn ein sehr heißes Jahr die sensorische Differenz zwischen Grand Cru und Village verwischt, dann fragen sie sich: Warum soll ich das Vielfache zahlen? Warum nicht zu einem Village, einem Premier Cru oder einer kühleren Randlage greifen, die in genau diesem Jahr mehr Präzision und Spannung liefert?

Das klingt erstmal wie eine vernünftige Korrektur des Marktes. Und das ist es auch.

Das Problem ist nur: Wenn genügend informierte Käufer genau das tun, steigen die Preise dieser Ausweichräume. Village-Weine und Hautes-Côtes profitieren dann nicht nur qualitativ, sondern auch ökonomisch. Und genau dadurch verlieren sie nach und nach jenen Preisvorteil, der sie überhaupt erst attraktiv gemacht hat. Das ist das Substitutions-Paradoxon: Das Ausweichen in die klügeren, kühleren, plausibleren Weine trägt den Keim seiner eigenen Auflösung in sich.

Man könnte auch sagen: Der Markt lernt – und macht das Gelernte sofort wieder teurer.

Das ist für Burgund wichtig, weil hier nicht nur Klima und Weinbau ins Rutschen geraten, sondern auch die ganze soziale Zugänglichkeit des Systems. Selbst die scheinbar klugen Ausweichbewegungen werden rasch wieder in ein neues Preissystem eingepreist.

9. Was der Markt heute eigentlich kauft

Und noch etwas verschiebt sich.

Wenn die sensorische Differenz zwischen Hierarchiestufen in bestimmten heißen Jahrgängen unschärfer wird, dann kauft der Markt nicht mehr nur Qualität im klassischen burgundischen Sinn. Er kauft verstärkt Narrative.

Biodynamik als Qualitätssignal.

Die Person des Winzers als Vertrauensanker.

Knappheit als eigenes Prestigeversprechen.

Der ‚authentic voice‘ statt der bloßen Lage.

Das ist kein vollständiger Bruch mit Burgund. Aber es ist eine Verschiebung. Grand Cru bleibt teuer – die Frage ist nur zunehmend: Bleibt Grand Cru teuer, weil es Grand Cru ist? Oder weil sich darum genügend glaubwürdige Geschichten, Personen, Methoden und Knappheitsnarrative verdichten?

Das ist ein ganz anderer Markt als der, in dem die Lage allein alles erklärt.

10. Die eigentliche Krise: nicht technisch, sondern strukturell

Und jetzt kommen wir zur vielleicht tiefsten Schicht des Problems.

Die Burgund-Krise ist nicht nur klimatisch. Nicht nur ökonomisch. Nicht nur sensorisch. Sie ist auch institutionell.

Denn das AOC-System lebt von Stabilität. Seine ganze Glaubwürdigkeit beruht darauf, dass die Landkarte nicht jeden zweiten Jahrgang neu verhandelt wird. Genau daraus bezieht es seinen Wert. Aber genau diese Stabilität gerät jetzt in Konflikt mit der Natur.

Wenn thermische Verschiebungen in 30 Jahren faktisch eine halbe AOC-Stufe nach oben schieben – Village-Lagen in Richtung alter Premier-Cru-Plausibilität, Hautes-Côtes in Richtung alter Village-Nische –, dann reicht es nicht, ein bisschen früher zu lesen oder das Laub anders zu schneiden. Dann berührt der Klimawandel das Klassifikationsprinzip selbst.

Und dafür gibt es kaum institutionellen Willen. Kein Wunder: Wer die Karte neu zeichnet, entwertet gleichzeitig das, was die Karte bisher wert war. Denn jede Anpassung gefährdet das Stabilitätsversprechen, von dem der Wert des Systems lebt.

Das ist das eigentliche Dilemma. Nicht mangelndes Wissen. Davon gibt es genug. Nicht mangelnde Beobachtung. Auch daran fehlt es nicht. Sondern das Fehlen einer Struktur, die Anpassung koordinieren kann, ohne die Glaubwürdigkeit des Systems zu zerstören.

Das macht Burgund heute so spannend – und so fragil. Es weiß sehr viel. Aber es kann nicht alles, was es weiß, in dieselbe Geschwindigkeit von Veränderung übersetzen.

11. Was im Burgund auf dem Spiel steht

Wenn wir all das zusammendenken, dann wird klar, was im Burgund eigentlich auf dem Spiel steht.

Nicht nur Stil.

Nicht nur Preis.

Nicht nur Prestige.

Auf dem Spiel steht, ob ein System, das seine Autorität aus stabiler Differenz bezieht, diese Differenz unter veränderten Naturbedingungen weiter glaubwürdig behaupten kann.

Burgund wird nicht kollabieren. Dafür ist sein Kapital zu groß, sein Mythos zu wirksam, seine Begehrtheit zu tief verankert. Aber das ist auch gar nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage ist: Bleibt Burgund teuer, weil seine Hierarchie weiterhin sensorisch plausibel ist? Oder verschiebt sich der Kaufgrund stärker auf Person, Methode, Knappheit, Story und Kapitalstatus?

Mit anderen Worten: Bleibt Grand Cru groß, weil er Grand Cru ist – oder weil er gelernt hat, auch unter veränderten Bedingungen die bessere Geschichte zu liefern?

Das ist das eigentlich Moderne an dieser Krise.

Schluss

Was nehmen wir also aus dieser Fahrt durchs Burgund mit?

  • Dass hier nicht nur ein paar Weine wärmer geworden sind.
  • Eine alte Hierarchie verliert ihre automatische Plausibilität.
  • Kühle Randlagen gewinnen an Ernsthaftigkeit.
  • Höherer pH und geringere Säure machen den Keller heikler.
  • Low Intervention wird riskanter.
  • Erben werden reicher auf dem Papier und fragiler im Alltag.
  • Und selbst der kluge Markt erzeugt mit seinen Ausweichbewegungen neue Preisblasen.

Das Grand-Cru-Paradoxon bedeutet nicht, dass Burgund seine Größe verliert. Es bedeutet, dass Burgund seine Größe nicht mehr so selbstverständlich an dieselben Orte delegieren kann wie früher.

In der nächsten Folge fahren wir in eine Region, in der der alte Mangel ein anderer war – und die Gegenwart eine ganz eigene Form von Präzisionsdruck erzeugt. Wir fahren in die Champagne. Dort geht es nicht mehr darum, Reife zu sichern. Dort geht es darum, Spannung zu retten.

Gerade dort, wo die Tradition am schwersten wiegt, wird am frühesten sichtbar, wie sich Wein neu erfinden muss.

Willkommen im Labor Frankreich.

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Frankreich 2026: Labor der Disruption - Spannung statt Schaum

Warum Champagne heute anders gelesen werden muss

Das ist heute die 3. und damit letzte Folge meiner kleines Frankreich-Serie.

In der ersten Folge haben wir gesehen, wie in Bordeaux ein altes Bodenmodell ins Wanken gerät. Kies war König – und plötzlich wird Wasserhaltefähigkeit wichtiger als Drainage.

In der zweiten Folge sind wir durch Burgund gefahren. Und haben beobachtet, wie die Hierarchie selbst ins Rutschen kommt. Grand Cru bleibt Grand Cru – aber nicht jeder heiße Jahrgang macht diese Größe noch automatisch plausibel.

Heute steigen wir in eine Region ein, die von außen oft wie das Gegenteil von Problem wirkt.

Feier. Prestige. Luxus. Perlage.

Eine Region, die viele eher mit Anlass verbinden als mit Analyse.

Und genau deshalb ist sie für diese Serie so wichtig.

Denn die Champagne zeigt vielleicht klarer als jede andere große französische Region, wie tief Klima, Markt und Stil ineinandergreifen können – ohne dass der Mythos von außen sofort reißt.

Auch heute habe ich wieder eine Fahrgastfrage im Gepäck. Eine Hörerin schreibt:

„Warum schmecken manche Champagner heute eigentlich so breit, obwohl sie formal trocken sind? Und stimmt es wirklich, dass Brut Nature die ehrlichste Form von Champagne ist?

Das ist eine ausgezeichnete Frage. Denn sie führt mitten in das eigentliche Missverständnis der Region.

Wir fahren heute nicht in die Champagne als Feiergetränk.

Wir fahren in die Champagne als Spannungssystem.

Und wir beginnen mit einem Moment, der nur wenige Sekunden dauert – aber über Jahre entscheiden kann.

Stell Dir vor: Wir stehen in einem Keller in der Champagne.

Nicht in einer gläsernen Tasting-Lounge. Nicht in einem Bild aus der Hochglanzwerbung.

Sondern dort, wo Wein wirklich Wein wird.

Flaschen liegen still, unspektakulär, lange auf der Hefe. Draußen mag die Welt Champagner mit Parties, Yachten und großen Nächten verbinden. Hier unten geht es um Zeit, um Druck und um Geduld.

Und dann kommt dieser eine Moment.

Das Dégorgement.

Die Flasche wird geöffnet. Der Hefepfropf schießt heraus. Der Wein verliert auf einen Schlag seinen langen Kontakt zur Hefe und tritt in eine andere Phase seines Lebens ein.

Er wird nicht schlagartig ein anderer Wein. Aber er steht nun anders in der Welt.

Nackter. Verletzlicher. Offener.

Und genau jetzt entscheidet sich oft, wie gut alles, was vorher geschehen ist, wirklich zusammenpasst.

Denn Champagner entsteht nicht einfach aus Schaum. Er entsteht aus einem präzise gebauten Verhältnis von Grundwein, Reserve, zweiter Gärung, Hefelager, Dégorgement und Dosage.

Dosage – das ist jenes kleine Quantum Wein, das nach dem Öffnen wieder eingefüllt wird. Mal mit etwas Zucker. Mal ohne. Wie viel – das ist eine der zentralen Entscheidungen der ganzen Region. Dazu kommen wir gleich.

Vielleicht ist das schon die erste Korrektur:

Champagne ist nicht deshalb groß, weil sie Bläschen hat. Sie ist groß, weil sie aus einem ganzen Bündel kontrollierter Eingriffe eine Form von Wein schafft, in der Herkunft, Zeit und Verfahren untrennbar werden.

2. Eine Region, die heterogener ist als ihr Ruf

Bevor wir ins historische Modell einsteigen, ein kurzes Bild der Region – denn die Champagne ist innen viel verschiedener, als ihr Mythos vermuten lässt.

Von außen: Kreide, Chardonnay, Pinot Noir, Perlage, Häuser. Ein homogener Block.

Von innen: ein Mosaik sehr unterschiedlicher Landschaften und Stile.

Die Côte des Blancs – der klassische Kreideraum des Chardonnay. Straff, präzise, langlebig.

Die Montagne de Reims – kein Block, sondern ein Halbkreis unterschiedlicher Expositionen. Südliche, östliche und nördliche Lagen erzeugen sehr verschiedene Weine. Gerade nordexponierte Parzellen gewinnen in warmen Jahren an Bedeutung – weil sie Frische besser halten. Was früher Nachteil war, wird heute Qualitätspuffer.

Die Vallée de la Marne – differenzierter als das Kurzbild vom „Meunier-Raum" vermuten lässt. Um Aÿ und Mareuil-sur-Aÿ: kreidenah, pinotgeprägt, südorientiert. Weiter westlich: tonreichere Böden, heterogenere Expositionen, Meunier bestimmend.

Und dann die Côte des Bar im Süden – wärmer, geologisch verwandt mit Chablis, landschaftlich fast burgundisch. Kimmeridgekalk, Pinot Noir, Familienbetriebe, oft mehr Mut als Kapital. Wer dort durch die Weinberge fährt, fühlt sich manchmal wirklich eher in Chablis als in Épernay.

Genau dort zeigt sich besonders direkt, was in der Champagne gerade wirklich auf dem Spiel steht. Wo die großen Häuser mit ihrem Reservepuffer nicht abfedern, sieht man sehr klar, was der Klimawandel mit einem Terroir macht.

Man könnte sagen: Die großen Namen der Champagne wirken wie ein Vorhang. Dahinter liegt eine Region, die innerlich so verschieden gebaut ist wie kaum eine andere Appellation Frankreichs. Reims und Épernay sind keine zehn Kilometer voneinander entfernt – und die Weine dazwischen können stilistisch Welten auseinanderliegen.

Das ist keine Schwäche. Es ist eine gewaltige Ressource, die die Region gerade erst beginnt, systematisch zu erschließen.

3. Das alte Champagne-Modell: Reife absichern, Spannung bauen

Historisch war Champagne ein Grenzklima-System. Genau daraus bezog die Region ihre Autorität.

Reife war hier nie selbstverständlich. Hohe Säure, kühle Präzision, nervige Grundweine – das war nicht Nebeneffekt. Das war Ausgangslage.

Champagne musste also über Jahrzehnte lernen, wie man aus einem klimatisch heiklen Raum große, balancierte, langlebige Weine baut. Und dafür hatte die Region ihre Werkzeuge.

Erstes Werkzeug: die vins clairs – die stillen Grundweine.

Großer Champagner beginnt nicht mit Perlage. Er beginnt mit Grundweinen, die Säure, Alkohol, Textur und Lagerfähigkeit bereits tragen müssen. Wer nur den fertigen Champagner trinkt und nie darüber nachdenkt, was im Stillwein bereits angelegt sein muss – der versteht die Region im Grunde nicht.

Zweites Werkzeug: die Reserveweine.

Stellen Sie sich einen Keller vor, in dem Weine aus zehn verschiedenen Jahrgängen nebeneinander lagern und warten. Das sind die Reserveweine – kein hübsches Zusatzwissen, sondern eigentliches Kapital.

Ein junger Jahrgang bringt Frische, Helligkeit und Kontur. Ältere Reserveweine bringen Ruhe, Reifekomplexität, Textur, eine andere Zeitlichkeit.

Die Réserve perpétuelle schärft diese Logik noch einmal: Jedes Jahr wird ein Teil entnommen und durch den neuen Jahrgang ersetzt. Ein lebendes Gedächtnis aus Wein.

Die Champagne baut also nicht nur Wein. Sie baut Zeit.

Drittes Werkzeug: die Dosage.

Über sie wird heute gern moralisch gesprochen – fast so, als wäre jeder Gramm Zucker schon ein Verdachtsmoment. Historisch war sie jedoch kein Trick, sondern ein zentrales Instrument.

In einem säurestarken, oft eher strengen Grundweinsystem half die Dosage dabei, die Schärfe des Säuregerüsts zu moderieren und den Wein nach dem Dégorgement in ein stimmigeres Gleichgewicht zu bringen. Nicht bloß Süße. Sondern letzte architektonische Justierung.

Die Champagne war lange ein Reife-Absicherungs-System.

Sie musste lernen, wie man in einem kühlen Klima Frische nicht nur bewahrt, sondern in Balance übersetzt.

Und genau dieses Modell verschiebt sich jetzt.

4. Der Umschlagpunkt: Zucker ist da – Spannung nicht automatisch

Der Klimawandel hat die Champagne in einen neuen Zustand versetzt. Nicht plötzlich. Nicht in einer einzigen Katastrophe. Sondern schleichend – und inzwischen sehr deutlich.

Die Durchschnittstemperaturen sind gestiegen. Die Lese rückt früher nach vorn – im Schnitt bis zu zwei Wochen im Vergleich zu früheren Jahrzehnten. Zuckergrade, die früher hart erarbeitet werden mussten, sind heute deutlich leichter erreichbar. Gleichzeitig sinkt die Äpfelsäure, die pH-Werte steigen. Das alte Säurepolster, auf das sich die Region so lange verlassen konnte, wird weniger selbstverständlich.

Das klingt zunächst fast wie Entlastung. Reife leichter erreichbar, weniger Chaptalisierung nötig, weniger grüne Grundweine. Wo ist das Problem?

Das Problem ist: Reife und Spannung laufen nicht mehr automatisch zusammen.

Mehr Zucker heißt nicht automatisch mehr Präzision. Ein wärmerer Jahrgang heißt nicht automatisch größerer Champagner.

Manche Weine warmer Jahrgänge wie Teile von 2015 und 2020 wirkten vegetabil, aromatisch verschoben oder in der phenolischen Reife nicht vollständig gelöst. 2022 ist dagegen besonders interessant: Derselbe Wärmedruck von außen – aber vielerorts deutlich harmonischere Weine, die phenolisch besser integriert waren und die gefürchteten pflanzlichen Töne kaum zeigten.

Derselbe Druck. Nicht dasselbe Ergebnis. Genau daran erkennt man: Die Champagne ist heute nicht einfach mit „mehr Reife" konfrontiert. Sie ist konfrontiert mit komplexerer Reife.

Die Champagne muss also heute nicht mehr in erster Linie Reife sichern.

Sie muss Spannung retten.

Das ist vielleicht die präziseste Formel für die Gegenwart:

Die Champagne verschiebt sich vom Reife-Absicherungs-System zum Spannungs-Management-System.

5. Säure ist nicht dasselbe wie Spannung

An dieser Stelle muss man einen Unterschied sehr sauber machen.

Säure ist messbar.

Spannung ist größer.

Spannung ist nicht nur analytische Frische. Sie ist auch Textur. Vertikalität. Salzigkeit. Druckaufbau. Die Fähigkeit eines Weins, trotz Reife nicht in Breite aufzugehen.

Ein Champagner kann formal eine ordentliche Säure haben – und dennoch weich und flächig wirken. Ein anderer kann bei ähnlichen Analysewerten deutlich straffer, heller, innerlich gespannter dastehen. Zwei Weine auf dem Papier vergleichbar. Im Glas Welten auseinander.

Genau deshalb reicht der Blick auf Zucker und Säure allein nicht mehr.

Unter wärmeren Bedingungen muss Spannung stärker aus dem Zusammenspiel gebaut werden: Lesetermin, Grundwein, Reserve, Entscheidung für oder gegen malolaktische Gärung – also ob die Äpfelsäure in weichere Milchsäure umgewandelt wird oder nicht –, Dosage, Dégorgement, Ausbau. Die Arbeit verlagert sich nicht nur in den Weinberg. Sie verlagert sich in die ganze innere Choreographie des fertigen Champagners.

Früher half das Klima der Champagne dabei, ein Spannungsversprechen fast schon mitzuliefern.

Heute muss die Region dieses Versprechen viel bewusster organisieren.

Und genau darum schmecken manche Champagner heute breiter, obwohl sie formal trocken sind: weil Trockenheit allein noch keine Spannung garantiert.

6. Brut Nature: keine höhere Wahrheit, sondern mehr Exponiertheit

Erinnere dich an unsere Hörerfrage? Stimmt es wirklich, dass Brut Nature die ehrlichste Form von Champagne ist?

Im gehobenen Champagner-Diskurs gilt niedrige Dosage oft als moralisches Gütesiegel. Weniger Zucker, mehr Wahrheit. Weniger Make-up, mehr Ort.

Das klingt zunächst plausibel. Wenn Grundweine reifer und von Natur aus balancierter sind, braucht es tatsächlich weniger Dosage, um sie in Form zu bringen. Und eine niedrigere Dosage lässt Kreidegriff, Salzigkeit, Fruchtkern und Textur oft direkter hervortreten.

Aber daraus folgt eben nicht, dass sie automatisch die höhere Form wäre.

Denn Dosage macht mehr, als bloß ein paar Gramm Zucker zu liefern.

Eine klug gesetzte Dosage kann den Mittelgaumen runder schließen. Sie kann Bitternoten abfedern. Sie kann den Nachhall verlängern und ordnen.

Sie arbeitet nicht nur auf der Achse süß–trocken. Sie arbeitet an Textur, Proportion und Spannungsverteilung.

Ohne Dosage wirkt ein Wein nackter. Direkter. Vielleicht mineralischer. Aber er verliert auch Puffer. Je niedriger die Dosage, desto weniger Schutz vor Fehlstellen.

Ein Wein ohne Dosage verzeiht nichts. Wenn Grundwein, Schwefelmanagement und Dégorgement exakt sitzen, kann das großartig sein. Wenn nicht, wirkt der Wein nicht ehrlicher – sondern schlicht fragiler.

Brut Nature ist nicht die moralisch höhere Wahrheit der Champagne.

Brut Nature ist die exponiertere Form der Champagne.

Die richtige Frage lautet also nicht: Wie wenig Dosage geht noch?

Sondern: Was braucht dieser Wein, um seinen inneren Bauplan glaubwürdig zu zeigen?

7. Dégorgement, Basisjahrgang, Transparenz

Und damit kommen wir zu einem Punkt, den viele Etiketten nur andeuten – der aber eigentlich zentral ist: das Dégorgierdatum.

Mit dem Dégorgement endet die Reife auf der Hefe. Der Wein verliert seinen langen Hefeschutz und beginnt anders mit Sauerstoff, Textur und Aromatik umzugehen.

Deshalb ist das Dégorgierdatum kein Nerd-Detail. Es ist echte Qualitätsinformation.

Vor allem bei niedrig dosierten Weinen – bei denen der schützende Effekt einer etwas höheren Dosage fehlt – ist es hochrelevant, ob eine Flasche gerade frisch degorgiert wurde oder schon länger auf dem Korken steht.

Aber auch hier gilt: Das Datum allein reicht nicht.

Der Basisjahrgang bleibt oft entscheidender, weil er den klimatischen Kern des Weins markiert. Zwei Flaschen mit ähnlichem Dégorgierdatum können sehr unterschiedlich ticken, wenn ihr Basisjahrgang ein anderer ist oder der Reserveanteil anders gebaut wurde.

Zeit in der Champagne beginnt eben nicht erst nach dem Dégorgement. Sie beginnt schon viel früher – im Verhältnis von jungem Wein und Reserve.

Und genau deshalb ist eine der stillen Revolutionen der Champagne die Transparenzkultur.

Basisjahrgang, Dégorgierdatum, Dosage, Editionslogik, Grundweinverkostungen – all das wird heute viel stärker offengelegt. Das ist nicht bloß Service für Freaks. Es ist Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses.

Champagne wird nicht weniger gebaut. Sie wird lesbarer gebaut.

8. Häuser und Winzer: zwei Arten, Ort durch Prozess zu organisieren

Dieses Kapitel der Champagne hat sich in den letzten Jahren tief verändert. Die Spannung zwischen großen Häusern und Winzern.

Die alte Erzählung ist einfach: Hier die Grandes Marques – Marke, Kontinuität, Luxus. Dort die Winzer – Ort, Authentizität, kleine Mengen.

Diese Gegenüberstellung ist eingängig. Aber zu grob.

Tatsächlich konkurrieren in der Champagne weniger Industrie und Wahrhaftigkeit als verschiedene Arten, Ort durch Prozess zu organisieren.

Die großen Häuser bauen Identität über Reserve, Editionslogik, Einkaufshorizont und Stilkontinuität. Ihre Stärke liegt darin, Variation zu kontrollieren. Sie können über Jahre und Jahrzehnte Wiedererkennbarkeit auf hohem Niveau sichern – gerade weil sie mit enormen Reservebeständen und großer Assemblagekompetenz arbeiten. In einer Phase klimatischer Volatilität ist das keine Schwäche. Es ist eine enorme Fähigkeit.

Die Winzerseite hat die Region zugleich tief verändert. Parzellenscharfe Vinifikation, Einzellagen-Abfüllungen, Grundweinfokus, Gastronomieorientierung – all das hat die Champagne „burgundischer" gemacht.

Dieser Druck hat auch die Häuser verändert: mehr Parzellenkarten, mehr Herkunftssprache, mehr ökologische Profilierung.

Aber auch hier lohnt sich Nüchternheit. Nicht jeder kleine Winzer macht automatisch die spannendere Champagne. Viele Weine leiden unter hohen Erträgen, schlecht getimter Lese oder schlicht fragiler Weinbereitung. Manches klingt im Etikett aufregender, als es im Glas ist.

Gerade deshalb gilt in der Champagne: Der Produzent erklärt oft mehr als die Adresse. Nicht weil der Ort unwichtig wäre. Sondern weil der Ort hier nur durch eine sehr starke Prozessschicht wirklich lesbar wird.

Nicht Haus gegen Winzer. Sondern zwei verschiedene Möglichkeiten, Ort durch Zeit, Reserve und Verfahren glaubwürdig zu machen.

9. Nachhaltigkeit ohne Dogma

Je schwieriger Spannung zu sichern wird, desto wichtiger werden Entscheidungen im Weinberg. Genau deshalb ist Nachhaltigkeit in der Champagne keine PR-Nische. Sie ist eine Stilfrage.

Die Region setzt dabei auf ein breites Spektrum von Ansätzen: Begrünung, Biodiversitätskorridore, Präzisionsspritzung, Kupferreduktion, Laubmanagement. Das Ziel ist in allen Fällen dasselbe: Resilienz. Reife verzögern. Wasserstress puffern. Die Äpfelsäure länger halten. Das Säure- und Spannungsprofil schützen.

Der Bioanbau wächst in der Champagne langsamer als in vielen anderen französischen Weinbaugebieten — nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil das feuchte, jahrgangsanfällige Klima mit hohem Pilzdruck die Umstellung ökonomisch riskanter macht. Deshalb spielen Umweltzertifizierungen wie Viticulture Durable en Champagne eine zentrale Rolle: nicht als Ersatz für Bio, sondern als regionaler Breitenstandard, der konventionelle, biologische und teils auch biodynamische Betriebe unter einem gemeinsamen Nachhaltigkeitsrahmen verbindet. Champagne setzt weniger auf Reinheitsgesten als auf belastbare Systeme der Risikosteuerung — auch wenn die radikaleren ökologischen Wege mittlerweile sichtbar an Gewicht gewinnen.

Und die Region organisiert diese Antwort institutionell. Ein eigenes Forschungszentrum in Reims bündelt Versuchswesen und Anpassungsstrategie. Neue Rebsorten im Versuchsanbau folgen derselben Logik: nicht Aroma-Exotik, sondern Resilienz. Nicht Revolution, sondern Schutz des alten Klangraums unter neuen Bedingungen.

Nirgends zeigt sich klarer als hier: Die Champagne antwortet auf die Gegenwart weniger romantisch als organisiert.

10. Ein Blick über den Ärmelkanal

Wie ernst die Lage genommen wird, zeigt ein Blick über den Ärmelkanal.

In England stehen inzwischen rund 4.500 Hektar Reben. Die dominierenden Sorten sind genau jene, auf denen auch die Champagne beruht: Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Das ist kein folkloristischer Nebenschauplatz mehr. Das ist ein ernstzunehmender Kühlklimaraum.

Einige Champagne-Häuser haben das längst verstanden.

Taittinger hat in Kent ein eigenes Projekt aufgebaut – die Domaine Évremond. 69 Hektar in der Nähe von Canterbury. Bodenvorbereitung ab 2017, Reben eingepflanzt, Kellerei gebaut. 2025 kam die erste Cuvée auf den Markt. Acht Jahre von der Idee bis zur Flasche.

Das ist kein Nebenprojekt, das man aus Langeweile angeht. Das ist eine strategische Entscheidung mit sehr langem Zeithorizont.

Was steckt dahinter? Taittinger hat die Rechnung offen kommuniziert: Wenn die Champagne wärmer wird, werden die Grundweine reifer, die Säure flacher, das alte Spannungsversprechen schwerer einzulösen. England hingegen bleibt vorerst kühler. Die Kreideformation setzt sich geologisch fort – im Prinzip dieselbe Schicht, die in Reims zu Tage tritt. Was sich geändert hat, ist nicht der Boden. Es ist das Verhältnis zwischen Boden und Temperatur.

Auch Vranken-Pommery ist in England mit eigenen Flächen aktiv.

Man könnte es so formulieren: Taittinger kauft in Kent nicht Boden, sondern Kälte.

Und Kälte ist in einer Welt, in der die Champagne wärmer wird, vielleicht der knappste Rohstoff von allen.

Natürlich gibt es auch eine andere Seite. England hat eigene Risiken: feuchte Sommer, Mehltaudruck, politische Unsicherheit nach dem Brexit, fehlende Infrastruktur in manchen Regionen. Niemand weiß heute mit Sicherheit, ob englische Schaumweine jemals dasselbe Prestige aufbauen können wie die Champagne.

Aber Taittinger und Vranken-Pommery wetten nicht auf Gewissheit. Sie wetten auf Resilienz.

Die Champagne antwortet nicht nur im Stil. Sie antwortet inzwischen auch im Raum.

11. Was im System heute wirklich auf dem Spiel steht

Wenn man all das zusammennimmt, zeigt die Champagne einen sehr modernen Widerspruch.

Sie ist vielleicht die erfolgreichste Region der Welt darin, Verfahren in Prestige zu übersetzen. Reserve, Zeit, Hausstil, Perlage, Luxus, Gastronomie – all das funktioniert noch immer.

Gleichzeitig hängt ihre Zukunft an etwas sehr Zerbrechlichem:

der Fähigkeit, ein altes Spannungsversprechen unter neuen Bedingungen weiter plausibel zu machen.

Das heißt: Die Champagne muss heute zwei Dinge zugleich leisten.

Sie muss ihre organisierte Autorität bewahren – Häuser, Reserve, Kontinuität, Prestige.

Und sie muss präziser werden – in Ort, Grundwein, Lesetermin, Dosage, Dégorgement und Weinbergsarbeit.

Wenn sie nur das Erste tut, wird sie museumshaft.

Wenn sie nur das Zweite tut, wird sie nervös und inkonsistent.

Die Größe der Region liegt genau darin, beide Bewegungen zugleich auszuhalten.

SCHLUSS

Was nehmen wir also aus dieser Fahrt in die Champagne mit?

  • Dass hier nicht einfach nur Schaumwein verfeinert wird.
  • Ein altes Reife-Absicherungs-System wird zum Spannungs-Management-System.
  • Säure reicht nicht mehr – Spannung muss gebaut werden.
  • Brut Nature ist nicht die moralisch höhere Wahrheit, sondern die exponiertere Form des Weins.
  • Häuser und Winzer stehen nicht für Gut und Böse, sondern für verschiedene Arten, Ort durch Prozess zu organisieren.
  • Und eine Region, die nach außen oft homogen wirkt, ist im Inneren viel differenzierter, fragiler und präziser, als ihr Mythos vermuten lässt.

Champagne bleibt groß, wenn sie ihre Werkzeuge nicht verleugnet, sondern neu justiert.

Nicht Reife ist heute das große Problem.

Nicht einmal Größe.

Sondern die Frage, ob die Region ihr altes Versprechen von Frische, Vertikalität und Noblesse unter veränderten Bedingungen weiter glaubwürdig einlösen kann.

Und genau deshalb gehört auch die Champagne in dieses Labor Frankreich.

Gerade dort, wo die Tradition am schwersten wiegt, wird am frühesten sichtbar, wie sich Wein neu erfinden muss.

Willkommen im Labor Frankreich.

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Frankreich 2026: Labor der Disruption - Das Ende der Kies-Monarchie

Bordeaux und die Rache des Tons

Wir starten heute eine besondere kleine Reise. Nicht einfach in ein Weinbaugebiet, sondern in ein Frühwarnsystem. Unsere neue Mini-Serie heißt: Frankreich 2026 – Labor der Disruption.

Ausgangspunkt ist eine Fahrgastfrage, die mir heute als Kompass dient. Ein Hörer schreibt:

Ich habe neulich einen Wein vom linken Ufer in Bordeaux getrunken – viel Alkohol, viel Wucht, aber die Gerbstoffe wirkten fast aggressiv und spröde. Ist das noch der Bordeaux, den wir kennen? Oder hat sich dort die Welt heimlich weitergedreht?

Eine sehr gute Frage. Und eine Frage, die viel größer ist als diese eine Flasche. Denn sie führt mitten in ein Thema, das nicht nur Bordeaux betrifft. Sie führt zu der Frage, was passiert, wenn ein ganzes Qualitätsmodell seine alten Sicherheiten verliert.

Um das zu verstehen, müssen wir kurz weiter ausholen. Warum Frankreich? Warum jetzt? Weil Frankreich noch immer die weltweite Referenz für Herkunft und Qualität ist. Ein Winzer in Neuseeland misst seinen Pinot Noir am Burgund. Ein Weingut in Napa nennt sich Château. In Südafrika, Kalifornien, Chile oder Australien tauchen Begriffe auf, die aus Frankreich stammen oder auf Frankreich verweisen: Terroir, Grand Cru, Assemblage, Méthode Traditionnelle, Clos, Barrique. Frankreich ist im Wein nicht einfach ein Land unter anderen. Frankreich ist noch immer das Vokabular, mit dem große Teile der Weinwelt sich selbst beschreiben.

Und genau deshalb ist Frankreich 2026 so interessant. Denn dort, wo die Tradition am schwersten wiegt, sieht man am frühesten, was passiert, wenn Klima, Markt und Struktur an einem historisch gewachsenen Weinsystem zerren. Frankreich ist damit nicht bloß ein Herkunftsland. Frankreich ist ein Frühwarnsystem.

Also, schnallt Euch an. Wir fahren heute direkt ins Zentrum einer Krise – und einer möglichen Neuerfindung. Wir fahren nach Bordeaux.

1. Die flirrenden Kieselsteine

Stellt Euch vor, wir halten jetzt im Médoc. Wir steigen aus. Es ist Mittag. Das Licht ist hart, fast ein wenig flimmernd. Keine Postkartenromantik. Kein spektakulärer Horizont. Eher diese nüchterne, leicht unerbittliche Sommerhelle, in der ein Weinberg plötzlich weniger idyllisch und mehr wie ein Arbeitsraum wirkt.

Unter unseren Füßen liegen die berühmten Kieselsteine. Der Kies. Die alte aristokratische Unterlage der großen linken Bank.

Wenn man so einen Stein aufhebt, versteht man sofort, warum diese Böden im Bordeaux so lange verehrt wurden. Er ist warm. Er speichert Hitze. Und in einem kühleren, feuchteren Klima war genau das ein Geschenk. Cabernet Sauvignon brauchte diese Unterstützung. Er brauchte einen Boden, der Wasser effizient ableitet. Einen Boden, der ihn zwingt, tiefer zu wurzeln. Und einen Boden, der tagsüber Wärme aufnimmt und nachts langsam wieder abgibt.

Darum galt im Bordeaux jahrzehntelang fast als Naturgesetz: Kies ist König.

Und das war nicht bloß Tradition. Das war über lange Zeit vollkommen plausibel. In einem Klima, in dem Reife keineswegs selbstverständlich war, war ein gut drainierender, wärmespeichernder Boden ein realer Vorteil. Gute Böden waren hier nicht jene, die Wasser festhielten, sondern jene, die es loswurden. Nicht jene, die Komfort boten, sondern jene, die die Rebe in eine Art kontrollierten Mangel versetzten. Konzentration war das Ziel. Struktur war das Ziel. Ein großer Cabernet vom linken Ufer der Gironde sollte eben nicht bequem sein. Er sollte Haltung haben.

Wenn man das verstanden hat, versteht man auch, warum die ganze Imagination des klassischen Bordeaux so stark mit dem linken Ufer, mit Kies, mit Cabernet und mit aristokratischer Länge verbunden ist. Der Boden war nicht Hintergrund. Er war Teil eines Qualitätsversprechens.

Das Problem ist nur: Die Steine sind dieselben geblieben. Das Klima nicht.

Was früher Wärmespeicher war, kann heute in heißen Jahren zur Hitzefalle werden. Was früher ideale Drainage war, kann heute heißen: zu wenig Wasser im entscheidenden Moment. Der Boden, der früher Wasser loswerden wollte, kämpft heute um jeden Tropfen.

Und genau hier beginnt unser Thema. Nicht mit einer misslungenen Flasche. Nicht mit einem einzigen schwierigen Jahrgang. Sondern mit einer alten Bodenordnung, die unter neuen Bedingungen ihre Selbstverständlichkeit verliert.

2. Bordeaux – die Kunst der gebauten Herkunft

Um zu verstehen, warum dieser Wandel so tief reicht, müssen wir kurz vom Weinberg zurücktreten und uns anschauen, wie Bordeaux überhaupt funktioniert.

Bordeaux ist nicht einfach eine Region. Bordeaux ist ein Modell.

Wenn Burgund die Radikalisierung des Ortes ist, dann ist Bordeaux die Kunst der gebauten Herkunft.

Ein großer Bordeaux entsteht hier nicht aus einer einzelnen, isolierten Parzelle, die möglichst unverstellt sprechen soll. Ein großer Bordeaux entsteht aus einem System. Unterschiedliche Böden. Unterschiedliche Rebsorten. Unterschiedliche Parzellen. Ein Château, das alles bündelt. Eine Hierarchie, die ordnet. Ein Markt, der gelernt hat, diese Ordnung zu lesen.

Das Herz dieses Systems ist die Assemblage.

Und die Assemblage ist hier kein Kompromiss. Sie ist Präzision.

Merlot bringt oft Fülle, Fruchtkern, frühe Zugänglichkeit. Cabernet Sauvignon bringt Struktur, Rückgrat, Tanninarchitektur, Alterungspotenzial. Cabernet Franc kann Frische, Duft und Finesse beisteuern. Petit Verdot oder Malbec spielten lange Nebenrollen, aber auch das gehört zur Logik dieses Systems: große Weine entstehen nicht, weil eine einzelne Stimme alles kann, sondern weil verschiedene Stimmen so zusammengeführt werden, dass sie am Ende wie aus einem Guss wirken.

Man könnte sagen: Bordeaux wurde groß, weil es Unterschiede nicht geglättet, sondern organisiert hat.

Dazu kommt die Rolle des Châteaus. In Bordeaux ist das Château nicht nur Gebäude und nicht nur Marke. Es ist eine Organisationsform. Es bündelt Besitz, Weinberge, Keller, Personal, Stilkontinuität, Marktansprache und Reputation. Das Château ist in Bordeaux fast so wichtig wie der Boden, weil es die Instanz ist, die aus Heterogenität Wiedererkennbarkeit macht.

Und über diesem System liegen die Klassifikationen. 1855 natürlich, dazu Saint-Émilion, Graves, die verschiedenen Appellationen, die historischen Rangordnungen, all diese Layer von Prestige und Einordnung, die dem Bordelais über Jahrzehnte Autorität verliehen haben. Man konnte die Region lesen. Man wusste, wo oben und unten ist. Man wusste, was links und rechts im Stil bedeutet. Man wusste, warum ein Name teuer ist und ein anderer nicht.

Das war lange enorm erfolgreich.

Und genau deshalb ist Bordeaux heute so aufschlussreich. Denn wenn ein so stabiles System unter Druck gerät, dann verschieben sich nicht nur ein paar Geschmacksbilder. Dann geraten Boden, Markt, Hierarchie und Erwartung gleichzeitig in Bewegung.

Vielleicht ist das die wichtigste Voraussetzung für diese Folge: Bordeaux ist nicht nur ein Weinbaugebiet in der Krise. Bordeaux ist ein Qualitätsmodell, das gerade prüft, wie viel seiner alten Ordnung unter neuen Bedingungen noch trägt.

3. Der Umschlagpunkt – die Rache des Tons

Jetzt kommen wir zu dem Bild, das diese ganze Episode eigentlich zusammenhält: zur Rache des Tons.

Wenn Hitzespitzen und Trockenphasen häufiger werden, verschiebt sich die Frage, was ein guter Boden leisten muss. Früher war seine große Tugend oft: Wasser loswerden. Heute wird in vielen Lagen etwas anderes wichtiger: Wasser halten.

Und damit betreten die schweren Ton- und Kalkböden der rechten Bank die Bühne.

Diese Böden galten lange als anders. Oft kühler, manchmal träger, manchmal schwieriger. Sie hatten im klassischen Bordeaux-Diskurs nicht dieselbe königliche Aura wie die großen Kiesrücken des Médoc. Aber unter wärmeren, trockeneren Bedingungen kann genau das, was früher als schwerfälliger galt, plötzlich zum Vorteil werden.

Ton- und Kalkböden puffern Temperaturschwankungen anders. Sie halten Feuchtigkeit länger. Sie federn extreme Phasen besser ab. Merlot und Cabernet Franc können dort unter heißen Bedingungen harmonischer ausreifen, während Cabernet Sauvignon auf extrem drainierenden Kiesböden in Wasserstress gerät.

Und Wasserstress ist heimtückisch. Denn die Rebe hört auf zu arbeiten, obwohl der Zucker weiter steigen kann. Die Beeren verlieren Wasser, die Konzentration nimmt zu, der Alkohol klettert. Aber die phenolische Reife – also die Reife von Schalen und Kernen, die eigentliche Tanninauflösung – zieht nicht zwangsläufig im selben Maß nach.

Dann bekommt man genau jene Weine, die viele heute irritieren. Hoher Alkohol. Viel Druck. Viel Farbe. Viel Wucht. Aber das Tannin ist nicht gelöst. Es ist da, aber nicht ruhig. Kraft ohne Souveränität.

Das ist ein entscheidender Punkt. Es geht nicht darum, dass Bordeaux plötzlich zu leicht oder zu dünn wäre. Das Problem vieler heißer Weine ist gerade nicht Kraftmangel. Das Problem ist: Kraft, die nicht vollständig integriert ist. Kraft, die im Wein eher arbeitet als ruht.

Und hier kommt die Rache des Tons ins Spiel.

Was früher als schwerer, dichter, vielleicht weniger vornehm galt, kann heute der Boden sein, der einem Wein innere Ruhe gibt, während der hochgelobte Kies nervös wird. Nicht immer, nicht überall, nicht schematisch – aber deutlich genug, um die alte Bodenmoral ins Wanken zu bringen.

Die physische Logik der Böden bleibt dieselbe. Aber ihre qualitative Wirkung verschiebt sich.

Die symbolische Hierarchie bleibt sichtbar. Die Resilienzkarten verändern sich.

4. Zwei Gläser, zwei Bordeaux-Bilder

Lasst uns das einmal nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret im Glas denken.

Stellt Euch zwei Weine nebeneinander vor.

Im ersten Glas ein Wein vom linken Ufer aus einem warmen Jahr. Dunkel, dicht, druckvoll. In der Nase vielleicht schwarze Johannisbeere, vielleicht Zedernholz, Graphit, ein Hauch Veilchen, vielleicht etwas Lakritze. Alles klingt zunächst nach großem Bordeaux. Und dann trinkt Ihr.

Der Wein ist nicht schwach. Er hat Kraft. Er füllt den Mund. Er hat Schub. Aber nach dem ersten Eindruck kommt etwas Irritierendes: Die Tannine sitzen nicht ganz ruhig. Sie wirken trocken, manchmal spröde, manchmal fast ein wenig aggressiv im Nachhall. Nicht unbedingt grün im klassischen Sinn, eher so, als würde der Wein seine Wucht nicht wirklich souverän tragen.

Das ist ein sehr heutiges Problem. Nicht zu wenig Material. Sondern ungelöste Kraft.

Im zweiten Glas ein Wein von Ton und Kalk, vielleicht von der rechten Bank. Weniger monumentaler erster Eindruck. Weniger Schulterbreite. Weniger Lautstärke. Aber am Gaumen wirkt der Wein aufgerichteter. Die Frucht sitzt kühler im Kern. Die Struktur zieht nach oben statt nach außen. Der Wein wirkt nicht dünner, sondern fokussierter. Weniger Hitze, mehr Spannung. Weniger Druck, mehr Zug.

Dafür hat sich in den letzten Jahren ein Ausdruck eingebürgert, der mir hier sehr sinnvoll erscheint: kalkige Spannung.

Das ist kein bloßes Modewort. Gemeint ist ein Zusammenspiel aus Wasserpufferung, Reifeverlauf, Textur und Säurewahrnehmung. Ein Wein, der sich innerlich aufrichtet, statt auseinanderzugehen. Einer, der nicht nur analytische Frische hat, sondern eine tragende Struktur, die ihm Spannung von innen gibt.

Man könnte das auch anders formulieren: Der Unterschied zwischen einem Wein, der vom Klima getragen wird, und einem Wein, der vom Klima nur noch irgendwie eingefangen wurde.

Wichtig ist: Das ist keine moralische Aufteilung. Rechte Bank gut, linke Bank schlecht – so einfach ist das nicht. Große Cabernets vom linken Ufer gibt es selbstverständlich weiterhin. Und schlechte Merlots von Ton und Kalk auch. Aber die Bedingungen, unter denen diese Typologien historisch groß geworden sind, haben sich verschoben. Und das schmeckt man.

Vielleicht ist das sogar die präziseste Antwort auf die Hörerfrage vom Anfang: Ja, die Welt hat sich weitergedreht. Nicht spektakulär. Nicht in jeder Flasche. Aber deutlich genug, dass das alte Bordeaux-Gefühl nicht mehr automatisch in jedem heißen Jahrgang wiederkehrt.

5. Eine neue Bordeaux-Wahrheit: Das Wetter erklärt nicht mehr alles

Jetzt wird es noch interessanter. Denn die neue Bordeaux-Realität ist nicht nur eine Geschichte von Böden und Klima. Sie ist auch eine Geschichte von ungleicher Reaktionsfähigkeit.

Früher konnte man über Bordeaux-Jahrgänge recht grob sprechen: klassisch, opulent, kühl, warm, groß, mittel, schwierig. Das funktioniert heute immer weniger.

Warum?

Weil zwei Châteaux heute dasselbe Wetter erleben können – und am Ende sehr unterschiedliche Weine abfüllen.

Nehmen wir 2023. Ein Jahr, das auf dem Papier zunächst ganz gut aussieht. Warm, aber nicht extrem. Gute Blüte. Hohe Erträge. Dann Regen in ungünstigen Momenten. Hoher Mehltaudruck. Große Beeren, also Verdünnungsrisiko. Später lokal sehr unterschiedliche Niederschlagsmuster. Wieder Hitze. Und die ganze Zeit die Frage: Wann ist wirklich der richtige Erntezeitpunkt für welche Parzelle?

In so einem Jahr trennt sich das Feld nicht mehr nur nach Appellation oder Boden. Es trennt sich nach Ressourcen.

Wer hat genug Leute im Weinberg, um wirklich präzise lesen zu können? Wer kann einzelne Parzellen unterschiedlich behandeln – und wer muss gröber vorgehen? Wer hat kleine Gärtanks und kann micro-picks lesen, also nur genau die Partien ernten, die an diesem Tag wirklich reif sind? Und wer muss Kompromisse machen, weil die Tanks, das Personal oder das Budget etwas anderes nicht erlauben?

Das klingt technisch. Ist es auch. Aber hier wird Technik plötzlich zur Stilfrage.

Stellt Euch zwei Güter vor. Beide erleben denselben Sommer. Das erste Gut kann in kleinsten Tranchen lesen. Es hat genug Personal. Es hat die Tankkapazität, um unterschiedliche Reifezustände sauber zu trennen. Es kann mit kleinen Behältern, Mikrovinifikation und präzisem Timing arbeiten. Das zweite Gut muss Kompromisse machen. Es kann nicht an fünf Tagen dieselbe Parzelle in drei Tranchen lesen. Es hat nicht dieselbe personelle und finanzielle Elastizität.

Und genau so übersetzt sich Kapital heute in Präzision.

Vielleicht ist das die härteste Wahrheit des heutigen Bordeaux:

Das Wetter erklärt den Jahrgang nicht mehr allein. Qualität wird immer stärker château-spezifisch.

Das ist einerseits faszinierend, weil es zeigt, wie weit Präzision heute technisch möglich ist. Andererseits ist es beunruhigend, weil es das System innerlich ungleicher macht. Spitzenbetriebe können schwierige Jahre mit Personal, Technik und Mikrosteuerung auffangen. Andere nicht im selben Maß.

Und plötzlich wird ein warmer Jahrgang nicht mehr einfach „gut“ oder „schwierig“, sondern ein Test dafür, wer unter denselben Bedingungen noch Kontrolle, Ruhe und Präzision herstellen kann.

6. Der Systemriss – wenn Vertrauen bricht

Und genau hier berühren sich Klima und Markt.

Denn während oben manche Häuser unter schwierigen Bedingungen mit großem Aufwand weiterhin sehr gute, sehr präzise Weine erzeugen können, bricht an anderer Stelle etwas weg: das Vertrauen.

Ein gutes Beispiel ist das Primeur-System.

Früher war Primeur ein plausibles Versprechen. Man kaufte einen Wein früh, noch unfertig, band Kapital, bekam dafür aber Zugang – und oft auch einen Preisvorteil. Das war eine Art stiller Pakt zwischen Château, Händler und Käufer.

Heute sieht das anders aus.

Für eine kleine Gruppe von Ikonen mag Primeur noch funktionieren. Aber für den sehr viel größeren Rest hat sich der Markt verschoben. Die eigentliche Realität liegt heute oft nicht mehr im Fass, sondern in der Flasche.

Stellt Euch den Käufer vor. Er sitzt nicht im Keller eines Châteaus, sondern zu Hause am Laptop oder vor dem Regal eines Händlers. Vor ihm stehen 2020er, 2021er, 2022er – fertig, greifbar, trinkbar, teils zu ähnlichen oder sogar niedrigeren Preisen als ein neuer Wein en primeur. Warum sollte er dann früh kaufen? Warum Vertrauen vorleisten, wenn ihm daraus kein klarer Vorteil mehr entsteht?

Und wenn der Käufer das merkt, kippt etwas Grundsätzliches. Dann wird aus einem Marktproblem ein Loyalitätsproblem.

Genau an dieser Stelle beginnt Bordeaux, an Selbstverständlichkeit zu verlieren.

Denn Bordeaux lebte lange nicht nur von Wein, sondern von einer Form von Autorität. Von der Vorstellung, dass dieses System wusste, was es tat, und dass frühes Vertrauen belohnt wird. Wenn dieses Gefühl verschwindet, dann ist das keine Kleinigkeit. Dann wird die Krise tiefer als eine bloße Absatzdelle.

Und unten im System wird der Druck noch brutaler.

Rodungen. Flächenaufgabe. Kleine und mittlere Betriebe, die verschwinden. Weniger Aufträge für Dienstleister. Weniger Gewissheit, ob die nächste Generation übernehmen will. Wenn tausende Hektar verschwinden, verschwindet nicht bloß Fläche. Es verschwindet ein Stück Produktionslogik. Ein ganzes Gefüge wird ausgedünnt.

Bordeaux wird dadurch nicht nur klimatisch fragiler. Bordeaux wird innerlich ungleicher, schmaler und sozial härter.

7. Die stille Neuverkabelung

Wie reagiert ein so traditionelles System auf so viel Druck?

Nicht mit offener Revolution. Sondern mit etwas sehr Bordelaisischem: mit einer stillen Neuverkabelung.

Seit 2021 sind neue Rebsorten zugelassen – Marselan, Touriga Nacional, Castets, Arinarnoa (a-ri-nar-NO-a) und andere. Das Entscheidende daran ist nicht nur, dass sie da sind. Sondern wie Bordeaux sie einführt.

Leise.

Diese Sorten dürfen nur begrenzt verwendet werden. Sie tauchen nicht groß auf dem Etikett auf. Die Appellation schützt den alten Klang des Namens, während im Hintergrund bereits neue Stimmen mitspielen.

Das ist fast wie ein Orchester, in dem die Partitur äußerlich dieselbe bleibt, aber plötzlich andere Instrumente im Untergrund die Harmonie halten.

Marselan bringt Farbe und Hitzefestigkeit. Touriga Nacional kann floralen Lift und ein straffes Tanningerüst geben. Solche Sorten sollen Bordeaux nicht neu erfinden. Sie sollen sein altes Versprechen von Balance unter neuen Bedingungen überhaupt noch plausibel halten.

Das ist sehr typisch Bordeaux. Keine Revolution, keine demonstrative Neuerfindung, sondern eine kontrollierte Nachjustierung.

Man kann das konservativ nennen. Aber man muss auch sehen: Es ist eine Form von Anpassungsintelligenz.

Bordeaux sagt gewissermaßen: Wir ändern etwas – aber so, dass das System sich selbst dabei nicht laut dementieren muss.

8. Die Tür, die sich öffnet – weißer Bordeaux

Wir wollen diese erste Folge aber nicht im Niedergang enden lassen. Denn Bordeaux öffnet gerade eine neue, strategische Tür.

Den weißen Bordeaux.

Lange lief er eher unter dem Radar. Interessant, ja. Aber nicht der Raum, in dem die Zukunft der Region erzählt wurde. Das ändert sich gerade.

Und zwar nicht zufällig. Denn im Weißen kann Bordeaux eine seiner größten Stärken neu ausspielen: die Assemblage als Präzisionsform.

Sémillon bringt Textur, Fleischigkeit, Alterungspotenzial. Sauvignon Blanc bringt Frische, Helligkeit, Zug. Gemeinsam können sie etwas, das Bordeaux immer konnte: Gegengewichte bauen.

Besonders spannend ist, was in Sauternes passiert. Dort, wo die Welt lange vor allem Süßwein sah, entstehen heute trockene Weißweine mit ganz neuem Selbstbewusstsein. Alte Sémillon-Bestände werden neu gelesen. Nicht nur als Material für Botrytis, sondern als Rohstoff für Textur, Tiefe und ernsthafte trockene Weißweine.

Man könnte sagen: Während der rote Bordeaux um seine alte Autorität ringt, öffnet der weiße Bordeaux ein Fenster.

Und dieses Fenster ist wichtig, weil es zeigt, dass die Intelligenz dieser Region breiter ist als ihr rotweingetriebenes Selbstbild. Vielleicht liegt die Zukunft von Bordeaux also nicht nur im kleineren, präziseren Rotwein. Vielleicht liegt sie auch im ernst genommenen Weißwein.

Schluss

Was nehmen wir aus dieser ersten Fahrt durchs Labor Frankreich mit?

  • Dass in Bordeaux gerade mehr kippt als ein paar Jahrgangsprofile.
  • Ein altes Bodenmodell verliert seine Selbstverständlichkeit.
  • Ein altes Marktmodell verliert Vertrauen.
  • Ein altes Autoritätsmodell wird innerlich ungleicher.
  • Und zugleich beginnt eine Region, sich leise neu zu verkabeln.

Das Ende der Kies-Monarchie bedeutet nicht, dass Bordeaux erledigt wäre. Es bedeutet, dass Bordeaux neu lernen muss, worauf seine Größe in Zukunft beruht.

Nicht nur auf Rang.

Nicht nur auf Geschichte.

Sondern auf funktionaler Anpassung, präzisem Timing – und vielleicht auch auf etwas mehr Fairness.

In der nächsten Folge schauen wir uns an, was passiert, wenn im Burgund nicht nur das Klima drückt, sondern die Hierarchie selbst ins Rutschen gerät. Wir fahren ins Herz des Grand-Cru-Paradoxons.

Gerade dort, wo die Tradition am schwersten wiegt, wird am frühesten sichtbar, wie sich Wein neu erfinden muss.

Wir sehen uns in Burgund. Bis dahin sage ich Tschüss und Auf Wiedersehen. 

Lasst es Euch schmecken!

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Wie entsteht Präzision im Wein? https://www.wolfgangstaudt.com/blog/matthiasgaul/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/matthiasgaul/#comments Fri, 06 Mar 2026 17:18:00 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/matthiasgaul/ Weiterlesen

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Wie entsteht Präzision im Wein?

Matthias Gaul über Herkunft, Timing und Handschrift

Präzision ist eines jener Wörter, die im Wein schnell gut klingen — und oft erstaunlich unkonkret bleiben. Im Gespräch mit Matthias Gaul, Winzer in Asselheim, bekommt der Begriff jedoch Kontur: nicht als Pose, nicht als Stilbehauptung, sondern als Ergebnis vieler Entscheidungen, die ineinandergreifen — im Weinberg, bei der Lese, in der Pressung und im Ausbau.

Gerade das macht diese Episode interessant. Sie spricht nicht über Präzision als Etikett, sondern über ihre Entstehung.

Asselheim ist hier nicht bloß Kulisse

Ein roter Faden des Gesprächs ist die Herkunft selbst. Asselheim erscheint bei Matthias Gaul nicht als dekorativer Ortsname, sondern als wirksame Größe im Wein. Kalk, Wind und ein Klima, das Reife nicht einfach schenkt, sondern strukturiert, bilden den Rahmen seiner Arbeit. Herkunft wird hier nicht beschworen, sondern in ihrer Wirkung beschrieben: auf Reifeverlauf, Textur und Spannungsverhältnis.

Gerade darin liegt die Stärke des Gesprächs. Statt Terroir nur als Chiffre zu verwenden, zeigt Gaul, wie ein Ort sensorisch und stilistisch wirksam werden kann.

Stil entsteht in Entscheidungen

Ebenso deutlich wird: Präzision beginnt nicht erst im Keller. Sie beginnt mit der Frage nach dem richtigen Erntefenster — und damit in einem Moment, der heute oft enger und heikler geworden ist. Wann gelesen wird, entscheidet nicht nur über Reife, sondern auch über Richtung: über Dichte und Zug, über Frische und Balance.

Im Keller setzt sich dieses Denken fort. Pressung ist in diesem Gespräch keine technische Randnotiz, sondern ein zentraler Hebel. Gleiches gilt für Hefelager, Redox und den Zeitpunkt der Abfüllung. Matthias Gaul spricht darüber nicht als Rezept, sondern als Teil einer inneren Logik. Stil entsteht hier nicht aus Einzelmaßnahmen, sondern aus ihrer Abstimmung.

Chardonnay und Sekt als Prüfstein

Besonders aufschlussreich wird das dort, wo das Gespräch auf Chardonnay und Sekt kommt. Beide hatte ich vorab im Glas — und beide haben mich auf ähnliche Weise überrascht: nicht durch Lautstärke, sondern durch das, was man innere Spannung nennen könnte. Beim Chardonnay eine cremige Textur, die nie breit wird, darunter ein Zug, der den Wein bis ins Finale trägt. Beim Sekt eine feine, zarte Perlage — und dahinter Tempo, Puls und am Ende eine salzige Linie, die alles zusammenhält.

Gerade an diesen beiden Weinen lässt sich die Handschrift des Weinguts besonders klar ablesen. Sie erscheinen hier nicht als Prestigeobjekte, sondern als besonders deutliche Ausdrucksformen einer Haltung.

Was von diesem Gespräch bleibt

Am Ende bleibt deshalb weniger eine einzelne Technik als eine Denkweise. Die Überzeugung, dass Präzision kein Selbstzweck ist, sondern der Weg zu Weinen, die etwas auslösen können: die Erinnerung an einen Abend, an Menschen, an eine Situation.

Wer so denkt, braucht keine Lautstärke.

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Wein wird überleben – aber wer spricht eigentlich für den Wein? https://www.wolfgangstaudt.com/blog/wein-wird-ueberleben/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/wein-wird-ueberleben/#comments Fri, 20 Feb 2026 18:47:48 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/wein-wird-ueberleben/ Weiterlesen

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Wein wird überleben – aber wer spricht eigentlich für den Wein?

Caro Maurer, Master of Wine, über kippende Frames, Alarmstimmung – und die heikle Grenze zwischen Branchenanalyse und persönlicher Weinliebe

Man kann die aktuelle Wein-Debatte so erzählen, als stünde die Branche vor einem historischen Kipppunkt: WHO-Studien, Warnhinweise, Werbebeschränkungen, „No/Low“ als neuer Zeitgeist – und eine Öffentlichkeit, die Wein zunehmend im Gesundheitsframe verhandelt. Das ist die lauteste Bühne, nicht das ganze Stück. Parallel laufen die strukturellen Stressoren, die tiefer schneiden: demografische Erosion auf der Konsumentenseite, Klimawandel und seine Konsequenzen für Sorten, Terroirs und Stilistik, dazu ökonomische Krisenprozesse – von Preisdruck über Betriebsaufgaben bis hin zu Weinbergssterben. Wer nur auf Schlagzeilen schaut, verkennt die tektonischen Platten, die sich darunter bewegen.

Entdramatisierung als Haltung – nicht als Ausrede

Caro Maurer gehört nicht zur Fraktion, die aus jeder neuen Studie eine Endzeitdiagnose baut. Ihr Ton ist entdramatisierend, manchmal fast stoisch. Sie setzt Wein zuerst als Kulturpraxis: als etwas, das Landschaft formt, Menschen verbindet, Genuss ermöglicht – und erst daraus folgt alles Weitere, auch die ökonomische Dimension. Das ist keine romantische Ausflucht, sondern eine bewusste Gegenposition zum Versuch, Wein ausschließlich als Gesundheitsproblem zu rahmen. Genau hier setzt auch die Leitfrage dieses Textes an: Wer kann in einer aufgeheizten Öffentlichkeit für den Wein sprechen, ohne reflexhaft zu beschwichtigen – und ohne in Abwehr zu kippen?

Wer nicht in Panik verfällt, muss trotzdem antworten

Ich starte das Gespräch mit einem Gedankenexperiment: drei Sätze – Wein ist Kultur, Wein ist Genuss, Wein ist Wirtschaft – und nur einer darf überleben. Caros Antwort kommt ohne Umweg: Kultur. „Die Basis von allem ist das Kulturgut Wein. So entsteht die Landschaft, so entsteht der Genuss – und letztendlich auch ein wirtschaftlicher Gewinn.“ Wein als Kultur ist in dieser Logik kein sentimentaler Schutzwall, sondern das Fundament, aus dem alles andere erst plausibel wird.

Caro denkt die Lage historisch phasisch. Es habe immer solche und solche Phasen gegeben; der aktuelle Gesundheitsframe sei ein mächtiger Resonanzraum, aber nicht zwingend der Endpunkt einer Entwicklung. Der Gewinn dieser Perspektive liegt auf der Hand: Sie schützt vor Alarmismus, vor Kurzschlussreaktionen, vor hektischer Selbstentwertung. Die Schwäche liegt ebenso offen: Wer zu stark auf Zyklen setzt, riskiert, strukturelle Brüche – Regulierungspfadabhängigkeiten, veränderte Konsummuster, kumulative Klimaeffekte – zu unterschätzen. Genau hier entsteht die produktive Reibung: Ruhe ist notwendig, aber Ruhe darf nicht zur Selbstberuhigung werden.

Bei der Alkoholfrage trennt Caro sauber zwischen Ebenen, wo andere reflexartig in die Defensive gehen. Sie leugnet Alkohol nicht – im Gegenteil: In ihrer MW-Prüfung wählte sie bei „To what extent is wine a social evil?“ bewusst die unbequemere Seite. Was sie ablehnt, ist der Reflex der Verbotskultur. Ihr Vergleich mit dem privaten Ärgernis Feuerwerk zielt auf ein Prinzip: Evidenz anerkennen, ja – aber sie nicht zum einzigen Maßstab des kulturellen Umgangs machen. Das ist in sich konsistent: pro Aufklärung, gegen moralische Totalmechanik.

Braucht Wein eine neue Sprache – oder nur mehr Disziplin?

Caro plädiert weniger für eine neue Sprache als für eine disziplinierte. Auf die Frage, welche Begriffe sie aus dem Weinjargon verbannen würde, nennt sie als erstes „mineralisch“ – weil es als Überbegriff oft alles und nichts meint. Stattdessen fordert sie Konkretion: salzig, algenhaft, metallisch – was genau ist gemeint? Dasselbe gilt für „Balance“ oder „groß“, wenn diese Wörter als Nebelmaschinen dienen. Und wenn junge Influencer mit „geiler Wein“ kommen, lässt sie das nicht als Beschreibung gelten: nachvollziehbarer werde es, wenn man schreibt, woran man es schmeckt – trocken, straffe Säure, grüner Apfel.

Das ist keine Vereinfachung, sondern Präzision. Nicht mehr Aura, nicht mehr Insidercode – sondern Begriffe, die Menschen wirklich nachvollziehen können. Zwischen Gesundheitsframe und Kulturargument gewinnt nicht der, der am schönsten erzählt, sondern der, der präzise bleibt, ohne belehrend zu wirken.

Der Kabinett-Gedanke zeigt das am besten: Wie spricht man mit jemandem, der Genuss spannend findet, beim Thema Alkohol aber sofort moralisch abwinkt? Caros Antwort ist kein abstraktes Argument, sondern eine Empfehlung, die Maß und Faszination zusammenbringt: ein Riesling Kabinett von der Mosel, niedrig im Alkohol, ein Glas – und trotzdem etwas „unwahrscheinlich Feinsinniges“. Kein Kulturbegriff, kein Vortrag: ein konkretes Glas. Maß und Genuss sind keine Gegensätze. Kultur ist nicht das Gegenteil von Verantwortung, sondern ihre Form.

Wo das Gespräch selbst zum Symptom wird

An ein paar Stellen zeigt sich im Gespräch etwas, das über Caro hinausweist. Immer dann, wenn Fragen nicht auf Wein als Produkt zielten, sondern auf die Branche als System – blinde Flecken, Routinen, Selbstbilder –, wurde die Ebene instabil. Antworten rutschten vom Systemischen ins Persönliche oder ins Außen.

Zwei Momente stechen heraus. Als ich Caro frage, was sie sich für die Zukunft der Weinwelt wünscht, reagiert sie zunächst mit einer sehr persönlichen Zufriedenheit: Sie sei wunschlos glücklich, erzählt von ihrer Freude am Beruf, an Winzern und am Entdecken neuer Regionen. Kurz darauf bitte ich sie, ins Jahr 2036 zu springen: Wein hat überlebt, er ist als Kulturträger relevanter denn je – was ist das leiseste Detail, das enorm viel erzählt? Ihre erste Antwort ist wieder privat und zugleich entwaffnend konkret: genug guter Wein im Keller – und die Hoffnung, dass Wein nicht in Richtung 14 Vol.-% kippt und bezahlbar bleibt.

Beides ist ehrlich gemeint. Beides beantwortet nicht ganz die Frage, die ich gestellt hatte. Genau darin liegt der Befund: Unter Druck wird Branchenreflexion schnell als persönliche Frage gehört – und die „Weinwelt" als System verschwindet hinter dem „Ich". Das ist als menschliche Reaktion nachvollziehbar und als Diagnose trotzdem aufschlussreich. Es zeigt, wie schwer es der Weinwelt fällt, sich selbst als Objekt der Analyse zu behandeln, ohne in Rechtfertigung oder Abwehr zu kippen. Und es zeigt eine kommunikative Grundregel, die im Weinbusiness oft unterschätzt wird: In aufgeheizten Zeiten reicht es nicht, recht zu haben. Man muss die eigene Position so formulieren, dass sie außerhalb der Bubble anschlussfähig bleibt – und gleichzeitig so ehrlich, dass sie innerhalb der Bubble nicht als Verrat gelesen wird.

Fazit

Caro Maurer liefert eine wichtige Korrektur zur Endzeitstimmung: Ruhe, Einordnung, Kulturwert ohne Heiligenschein – und die Erinnerung, dass Panik ein schlechter Ratgeber ist. Gleichzeitig zeigt dieser Moment, stellvertretend für viele solcher Gespräche in der Branche, wie sensibel das Feld geworden ist – und wie nötig eine Sprache wäre, die Selbstkritik erlaubt, ohne Selbstentwertung zu produzieren. Wein wird überleben. Die Frage ist, ob die Branche rechtzeitig lernt, von außen auf sich zu schauen – bevor es andere für sie tun.


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Warum deutscher Wein keinen Pop hat – mit Hendrik Thoma (Master Sommelier) https://www.wolfgangstaudt.com/blog/hendrikthoma/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/hendrikthoma/#comments Fri, 06 Feb 2026 16:43:47 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/hendrikthoma/ Weiterlesen

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Warum deutscher Wein keinen Pop hat – mit Hendrik Thoma (Master Sommelier)

Weltklasse im Glas, aber wenig Momentum: 8-Bälle-Check und die Hebel für U30

Weltklasse im Glas – und trotzdem kein Pop. Diese Spannung ist der Ausgangspunkt meiner neuen Podcast-Episode mit Hendrik Thoma, Master Sommelier und Mitgründer von Wein am Limit. Es geht ausdrücklich nicht um Terroir-Feinmechanik, nicht um Jahrgangs-Mikroklimata und auch nicht um die nächste Kellertechnik-Debatte. Es geht um eine größere, unbequemere Frage: Warum entwickelt deutscher Wein – trotz Weltklasse in der Spitze – so selten kulturelles Momentum? Warum ist er im Alltag so selten Ritual und Selbstverständlichkeit, gerade bei denen, die eigentlich genau in unser „Beuteschema Genuss“ fallen: Menschen um die 28, die gutes Essen lieben, gute Produkte schätzen, aber beim Wein oft nicht landen.

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Die These: Nicht Qualität, sondern Übersetzung

Meine Arbeitsthese, mit der ich Hendrik ins Gespräch gezogen habe, ist simpel: Das Problem ist weniger die Qualität als die Übersetzung. Nicht was im Glas passiert, sondern wie wir Wein präsentieren, wie wir darüber reden, wie wir ihn verkaufen – welche Codes wir mitschleppen. Einladung oder Distanz. Deshalb starten wir in der Episode auch nicht mit wolkigen Kulturdiagnosen, sondern mit einer konkreten Bestandsaufnahme im 8-Bälle-Format: Skala 1 bis 10, erst die Zahl, dann kurz die Begründung. Hendriks Ankerzahl für die Wertschätzung von Wein in Deutschland ist ernüchternd: „Da stehen wir bei zwei, drei.“ Nicht als Qualitätsurteil, sondern als kulturelle Standortbestimmung.

Was dann folgt, ist ein Gespräch, das an genau der Stelle interessant wird, an der die Branche gern ins Abstrakte ausweicht. Hendrik beschreibt den Markt nicht als Bildungsprojekt, sondern als Begegnungsraum. Seine Perspektive ist dabei doppelt geerdet: Er kommt aus der klassischen Sommelier-Welt, hat in Hamburg im Louis C. Jacob gearbeitet und mit Gunnar Thies Formate wie die „Big-Bottle-Party“ mit aus der Taufe gehoben – ein Event, das zwar elitär war, aber genau dadurch einen Abstrahleffekt hatte: Kulinarik, Wein, Winzer, Menschen in einem Setting, das Lust macht. Gleichzeitig spricht aus ihm die Erfahrung eines Marktes, in dem Aufmerksamkeit, Tonalität und Kanalwahl darüber entscheiden, ob überhaupt jemand zuhört – und ob Wein als Produkt noch stattfindet.

Samstag 17:30: Einladung am Point of Sale

Einer der stärksten Momente der Episode ist deshalb nicht irgendein Thesenblock, sondern eine ganz konkrete Szene: Samstag, 17:30 Uhr, ein Mensch steht vor dem Regal. Was wäre „Einladung“ – praktisch, nicht poetisch? Hendrik wird hier bemerkenswert präzise und bleibt bei der scheinbar unsexy Antwort, die in Wahrheit radikal ist: Beratung. Wenn ein Supermarkt eine große Weinabteilung hinstellt, braucht er Menschen, die „mit drei oder vier gekonnten Fragen“ zum Ziel führen und mit wenigen Empfehlungen Begeisterung auslösen. Dann entsteht nicht nur ein Abverkauf, sondern Bindung „für ein paar Jahrzehnte“.

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Anschlussfähigkeit statt Binnenlogik

Das klingt banal – ist aber in einer Realität, in der Wein oft als Regalware ohne Gesicht, ohne Stimme und ohne Ritual behandelt wird, ein echter Paradigmenwechsel. Diese Übersetzungsfrage zieht sich durch das gesamte Gespräch. Hendrik macht klar, dass es nicht darum geht, Winzer zu TikTok-Tänzchen zu zwingen. Es geht darum, die richtige Botschaft auf den richtigen Kanal zu bringen, ohne sich in Binnenlogik zu verlieren. „Warum kennt diese wunderbaren Weine nicht jeder 28-Jährige, der gutes Essen liebt?“ – als ich diese Frage zuspitze, kommt seine Antwort ohne Ausweichbewegung: Weil wir es „auf dem Kanal, der ihn betrifft“, noch nicht schaffen, die richtige Botschaft zu vermitteln: „Probier das mal.“ Das ist Übersetzung in Reinform: weniger Erklärindustrie, mehr Einladungshandlung.

Energie im Mund, im Ort, im Menschen

Gegen Ende des Gesprächs wird es sinnlich – und gerade dadurch analytisch. Wir öffnen gemeinsam eine Magnum Palladius 2021 (Sadie Family, Swartland). Nicht als „besser als Deutschland“-Geste, sondern als Lupe für einen Begriff, der sich im Gespräch immer wieder meldet: Energie. Ich beschreibe Energie auf drei Ebenen: im Glas als „Spannung, Textur, Zug, Länge“, in der Herkunft als Erinnerung an Landschaft, Klima und Boden, und im Menschen dahinter – Haltung, Ausstrahlung, innere Ruhe und gleichzeitig etwas Energetisches. Hendrik spielt das nicht gegen Deutschland aus. Im Gegenteil: Er bestätigt ausdrücklich, dass dieses energetische, frische, „straight“ Element auch in Deutschland möglich ist, „da gibt es keine zwei Meinungen“. 

Die eigentliche Lücke: Lesbarkeit

Der Punkt ist nicht die Fähigkeit zur Exzellenz, sondern die kulturelle Lesbarkeit dieser Exzellenz – und die Übersetzung in Momente, in denen Menschen sie überhaupt wahrnehmen. Vielleicht ist das die wichtigste Pointe dieser Episode: Wenn man über U30 und „kein Pop“ spricht, landet man zu schnell bei Moral, Gesundheit oder dem großen Kulturbegriff. Hendrik führt die Diskussion zurück auf etwas viel Handfesteres: Anschlussfähigkeit. Nicht weniger Anspruch, sondern weniger Distanz. Nicht weniger Herkunft, sondern bessere Bilder. Nicht weniger Tiefe, sondern mehr Einladung. Und ja: das ist Arbeit – am Point of Sale, in der Gastro, in der Kommunikation. Aber es ist auch eine Chance. Denn wenn Weltklasse da ist, muss man nicht die Substanz neu erfinden. Man muss sie endlich so erzählen, dass sie Menschen berührt.

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Genuss im Buss - der mobile Weinpodast

Die Episode mit Hendrik Thoma findest du überall, wo es Podcasts gibt. Wenn du sie gehört hast, interessiert mich eine Frage ganz besonders: Welche Weine liefern für dich diese drei Ebenen von Energie maximal – im Mund, im Ort, im Menschen?

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Wann’s Licht brennt, isch uff“ – Wie die Kochs die Südpfalz zum Burgunder-Terrain formen https://www.wolfgangstaudt.com/blog/bernhardkoch/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/bernhardkoch/#comments Fri, 19 Dec 2025 12:33:06 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/bernhardkoch/ Weiterlesen

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"Wann’s Licht brennt, isch uff“ – Wie die Kochs die Südpfalz zum Burgunder-Terrain formen

Zwei Brüder, ein Weingut: Alexander und Konstantin Koch über Burgunder aus Kalk, Winzersekt mit Anspruch und die Kunst, bei 50 Hektar handwerklich präzise zu bleiben. 

Für eine weitere Episode meines Podcasts "Genuss im Bus" war ich noch einmal in der Südpfalz unterwegs. In Hainfeld habe ich das Weingut Bernhard Koch besucht und die drei Protagonisten getroffen: Vater bernhard und seine Söhne Alexander und Konstantin. Zusammen führen sie einen Familienbetrieb, der wie kaum ein anderer für die enorme Entwicklung steht, die diese Region in den letzten Jahren genommen hat.

Ein offenes Hoftor – und ein klarer Anspruch

Wer das Weingut besucht, stößt unweigerlich auf einen Satz, der mehr ist als ein freundlicher Hinweis.

„Wann’s Licht brennt, isch uff.“

Er steht für Offenheit, Bodenständigkeit und eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen. Gleichzeitig markiert er den Ausgangspunkt für einen bemerkenswerten Weg: vom klassischen Familienbetrieb hin zu einem der prägenden Burgunder-Erzeuger der Südpfalz.

Die Region hat sich in den vergangenen Jahren leise, aber nachhaltig verändert. Wo früher vor allem Menge und faire Preise dominierten, entstehen heute einige der präzisesten und spannendsten Burgunder Deutschlands. Das Weingut Koch gehört zu den Betrieben, die diese Entwicklung nicht nur begleiten, sondern aktiv mitgestalten.

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Kalk, Klima und die neue Südpfalz

Ein zentraler Faktor für diesen Wandel liegt im Untergrund. Massive Kalkadern, gepaart mit einem Klima, das heute physiologische Reife ermöglicht, ohne die Frische zu verlieren, schaffen ideale Voraussetzungen für Burgundersorten. Pinot Noir und Chardonnay profitieren davon besonders – vorausgesetzt, man ist bereit, im Weinberg und im Keller präzise zu arbeiten und Entscheidungen konsequent zu treffen.

Im Podcast Genuss im Bus spreche ich mit Alexander und Konstantin Koch über genau diese Fragen: über Lesetiming, Selektion, Stilfindung – und darüber, warum die Südpfalz heute als ernstzunehmendes Burgunder-Terrain wahrgenommen wird.

Chardonnay als Schlüsselwein

Ein zentraler Bezugspunkt des Gesprächs ist der Chardonnay Grande Réserve 2021. Ein Wein, der das Stilverständnis des Hauses exemplarisch zeigt: strahlende gelbe Frucht, feine Röstaromen, Spannung und Energie – großzügig, ohne schwer zu wirken. Hier wird deutlich, wie sehr Präzision, Textur und Balance im Vordergrund stehen.

Der Chardonnay dient im Gespräch als Brücke: zwischen Geologie und Stil, zwischen Kellerarbeit und Herkunft. Er erklärt, warum das Thema Burgunder in der Südpfalz heute mehr ist als ein Trend.

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Pinot Noir: Präzision statt Lautstärke

Noch deutlicher wird diese Haltung beim Pinot Noir Réserve 2021. Kühle Frucht, feine Kräuterwürze, ein präzise geführtes Tannin und ein Holzeinsatz, der strukturiert, ohne zu dominieren. Der Wein steht für einen Stil, der sich klar am Burgund orientiert, dabei aber fest in der Südpfalz verankert bleibt.

Alexander Koch spricht offen über Extraktion, Ganztraubenanteile und die Rolle des Kellerteams – Chie Sakata, Christopher Knorr und seine Frau Alisa – bei der Feinjustierung dieser Weine.

Größe, Markt und Haltung

Mit rund 50 Hektar Rebfläche ist das Weingut Koch kein kleiner Betrieb. Umso bemerkenswerter ist der hohe Anteil der Direktvermarktung. Konstantin Koch beschreibt im Gespräch, wie sich Premium-Anspruch und offenes Hoftor miteinander verbinden lassen – und warum Bodenständigkeit kein Widerspruch zu Qualität ist, sondern ihre Grundlage.

Ein Gespräch über mehr als Wein

Das Gespräch mit Alexander und Konstantin Koch ist mehr als eine Bestandsaufnahme. Es erzählt von Herkunft, von Verantwortung, von Teamarbeit – und von einer Familienhandschrift, die sich weiter schärft, ohne ihre Wurzeln zu verlieren.

Oder, um es mit den Worten vom Hof in Hainfeld zu sagen:

Wann’s Licht brennt, isch uff.


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Kalk und Klarheit: Wie die Keßlers den Münzberg zur Burgunder-Ikone formen https://www.wolfgangstaudt.com/blog/muenzberg/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/muenzberg/#comments Wed, 10 Dec 2025 17:54:32 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/muenzberg/ Weiterlesen

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Kalk und Klarheit: Wie die Keßlers den Münzberg zur Burgunder-Ikone formen

Ein Vater-Sohn-Gespräch über Herkunft, Wandel und den kalkgeprägten Stil des Münzbergs

Es gibt Orte, an denen Geschichte, Landschaft und Menschen auf eine Weise zusammenfallen, die im Glas unmittelbar spürbar wird. Der Münzberg in Godramstein ist einer dieser Orte. Wer heute einen Chardonnay oder Weißburgunder aus dem Weingut Münzberg probiert, schmeckt nicht nur die Energie des Kalkmergels, sondern auch die Konsequenz einer Familie, die über Jahrzehnte denselben Weg verfolgt hat – Schritt für Schritt, Generation für Generation.

In der aktuellen Podcast-Episode von Genuss im Bus spreche ich mit Gunter und Friedrich Keßler, Vater und Sohn, die den Münzberg auf sehr unterschiedliche, aber ergänzende Weise geprägt haben. Gunter, der seit den 1980er Jahren das Weingut entwickelt und verschlankt hat, erzählt von einem Betrieb, der einst Mischkultur war und sich allmählich zu einem klaren Burgunderhaus transformierte. Diese Veränderung war alles andere als zufällig: Sie war das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen – und einiger großer Abschiede. „Man muss sich trennen können“, sagt er im Gespräch, „von Gewohnheiten, von lieb gewonnenen Arbeitsweisen, manchmal sogar von Stilistiken, die früher funktioniert haben, aber nicht mehr in die Zukunft passen.“

Die 1990er und frühen 2000er Jahre waren für Gunter eine Phase des Aufbruchs. Reisen ins Burgund, intensiver Austausch mit Kollegen in der Pfalz und die legendäre „Wine-Boy-Group“ – Rebholz, Becker, Siegrist, Wehrheim, Keßler – lieferten Impulse, die bis heute nachwirken. Die Energie dieser Gruppe war enorm: fünf Winzer, die sich gegenseitig schärften, hinterfragten, inspirierten. „Wir hatten keine Ahnung, dass das einmal so wichtig werden würde“, sagt Gunter rückblickend. „Wir wollten einfach nur besser werden.“

Heute ist es Friedrich, der das Profil des Weinguts weiter verfeinert. Sein Zugang ist präzise, analytisch, auf Spannung ausgerichtet. Frühere Lesezeitpunkte, gezieltere Holzauswahl, feinere Toastings, weniger Bâtonnage – das Ziel: Klarheit und Herkunft stärker hervortreten zu lassen. „Der Wein soll atmen können“, sagt er, „und der Boden soll sprechen.“ Gerade der hellschichtige Kalkmergel des Münzbergs gibt den Weinen diese vibrierende Säure, die feine Phenolik, die Spannung zwischen Leichtigkeit und Tiefe.

Im Podcast probieren wir zwei exemplarische Weine: den Chardonnay aus dem Godramsteiner Stahlbühl, kühl, pflanzlich, ziseliert – ein Beispiel für die Handschrift der jüngeren Generation. Und den Weißburgunder Schlangenpfiff, ein Großes Gewächs, das elegante Frucht, kalkige Struktur und salzige Länge verbindet. Ein Wein, der zeigt, wie weit der Münzberg heute ist – und welche Präzision möglich wird, wenn Erfahrung und Innovationsfreude zusammenspielen.

Unser Gespräch streift auch die Herausforderungen der Gegenwart: sinkender Konsum, steigende Kosten, die Notwendigkeit von Preisanpassungen. Die Keßlers sprechen darüber offen, reflektiert und ohne Pathos. Es wird deutlich: Die Zukunft des Weinbaus verlangt Klarheit – ökonomisch, stilistisch, menschlich.

So ist die Episode nicht nur ein Blick hinter die Kulissen eines wichtigen Pfälzer Weinguts, sondern auch ein Lehrstück darüber, wie Tradition und Moderne miteinander verschmelzen können. Und wie Kalkboden, Haltung und Handwerkskunst zu Weinen führen, die heute zur Spitze des Burgunderstils in Deutschland gehören.


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Zwischen Feuer und Zeit – Zu Besuch bei Johannes Freiherr von Gleichenstein https://www.wolfgangstaudt.com/blog/gleichenstein/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/gleichenstein/#comments Wed, 10 Dec 2025 17:52:26 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/gleichenstein/ Weiterlesen

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Zwischen Feuer und Zeit – Zu Besuch bei Johannes Freiherr von Gleichenstein

Ein Gespräch über Burgunder, Familie und die Kunst, Tradition in die Zukunft zu führen.

Der Kaiserstuhl ist eine Landschaft, die Geschichten erzählt. Geschichten von Feuer, das einst den Boden geformt hat, von Wind und Sonne, von Zeit und Geduld. Wer hier unterwegs ist, spürt sofort, dass Weinbau mehr ist als Landwirtschaft: Es ist ein Lebensgefühl, ein Vermächtnis – und manchmal ein leises Gespräch zwischen Mensch und Natur.

Einer, der dieses Gespräch seit vielen Jahren führt, ist Johannes Freiherr von Gleichenstein, Winzer in elfter Generation. Sein Weingut in Vogtsburg-Oberrotweil liegt an einem Ort, an dem Geschichte und Gegenwart selbstverständlich ineinandergreifen. Als ich Johannes dort zum Vorgespräch traf, fiel mir auf, wie viel Ruhe und Klarheit er ausstrahlt. Und genau das findet man auch in seinen Weinen wieder.

„Heimat ist da, wo man sich am wohlsten fühlt.“

Wenn Johannes über den Kaiserstuhl spricht, wird schnell deutlich, wie tief seine Verbundenheit ist. „Heimat ist da, wo man sich am wohlsten fühlt“, sagt er – und beschreibt eine Region, in der andere Urlaub machen, in der Wärme, Gastfreundschaft und eine außergewöhnliche kulinarische Kultur zu Hause sind.

Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass ein historischer Familienbetrieb auch Last bedeuten kann. Doch Johannes wählt einen anderen Blick: „Der Hof hat den Dreißigjährigen Krieg überlebt, zwei Weltkriege und unzählige Krisen. Das entlastet. Jede Herausforderung ist zu bewältigen.“

Es ist diese Gelassenheit, die seine Arbeit prägt.

Tradition weiterdenken – nicht bewahren um jeden Preis

Johannes’ Vater war es, der den früheren Zehnthof zu einem reinen Weingut entwickelte. Johannes selbst setzte anschließend seine eigenen Akzente: Fokussierung auf Burgunder, klare Qualitätsstufen, weniger Sorten, mehr Wiedererkennbarkeit.

„Ich kann nur das vermarkten, was mir selbst schmeckt“, sagt er offen. Müller-Thurgau, Nobling oder Silvaner passten nicht in seine Vision. Burgunder dagegen – Weiß, Grau und Spät – bilden heute das Herz des Weinguts.

Auch in der Mitarbeiterführung zeigt sich seine Handschrift. „Der Weg zum Chef muss offen sein. Aber die Leute brauchen Freiheiten. Sonst können sie sich nicht entfalten.“ Johannes führt durch Zuhören, nicht durch Anweisungen – und das merkt man dem Betrieb an.

Zeit als Schlüssel – im Wein wie im Leben

Vielleicht ist dies der stärkste Faden, der sich durch unser Gespräch zieht: der Wert der Zeit.

Weine liegen zwei Jahre auf der Vollhefe, werden spät gefüllt und noch später verkauft. „Wir geben jedem Wein die Zeit, die er braucht. Und das zahlt er uns zurück.“

Diese Geduld ist spürbar – im Weißburgunder vom Winklerberg, der trotz Wärme kühl und salzig wirkt; im Grauburgunder vom Henkenberg, der Struktur und Tiefe zeigt; und besonders im Spätburgunder Baron Philipp, einem Wein von stiller Größe, reif und nachdenklich.

Johannes lächelt, als er sagt: „Mit einem Wein wie dem Baron Philipp kannst du im Glas eine Reise machen.“

Blick nach vorn – Wandel als Chance

Der Weinbau steht vor großen Veränderungen: Klimawandel, neue Konsumgewohnheiten, Kostenexplosionen. Viele Winzer sprechen von Krise.

Johannes nicht. „Wir leben in veränderlichen Zeiten. Aber jede Veränderung bietet auch Möglichkeiten. Wir müssen sie nur sehen.“

Es ist dieser Optimismus, der beeindruckt – und der Hoffnung macht, dass auch die nächsten Generationen im Kaiserstuhl Weine erzeugen werden, die Herkunft spürbar machen und Zeit hörbar.


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Zwei Generationen, ein roter Faden – im Weingut Walter in Bürgstadt https://www.wolfgangstaudt.com/blog/weingutwalter/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/weingutwalter/#comments Wed, 10 Dec 2025 17:52:06 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/weingutwalter/ Weiterlesen

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Zwei Generationen, ein roter Faden – im Weingut Walter in Bürgstadt

Vom Buntsandstein geprägt, von zwei Generationen getragen: Wie Christoph und Felix Walter aus Bürgstadt ihr Weingut in die Zukunft führen.

Bürgstadt, dieser stille Weinort zwischen Spessart und Odenwald, hat etwas Zeitloses. Die alten Sandsteinhäuser, das Pflaster, die verwinkelten Gassen – alles erzählt von Geschichte und Geduld. Und doch spürt man hier Aufbruch. Ganz besonders im Weingut Walter, wo Vater Christoph und Sohn Felix Walter Seite an Seite arbeiten – zwei Generationen, die sich gegenseitig Raum geben und gemeinsam an einer neuen Zukunft für ihr kleines, aber ambitioniertes Weingut bauen.

Als ich die beiden besuchte, war die Lese gerade vorbei. Die Eimer gespült, die Presse stand still, aber der Keller lebte: Es roch nach Gärung, nach Hefe, nach Spätburgunder. Christoph erzählte vom frühen Lesestart, von der akribischen Selektion und vom Stolz auf einen Jahrgang, der alles andere als einfach war – aber am Ende Freude verspricht. „Wenn der Spätburgunder gut ist, dann ist der Jahrgang gut“, sagt er, und in diesem Satz steckt viel Wahrheit über Bürgstadt und seine Winzer.

Felix, 24 Jahre jung, bringt frischen Wind. Nach Stationen bei Fürst, Huber, Künstler, Chanterêves und Mac Forbes ist er mit einem klaren Ziel zurückgekehrt: Qualität, Herkunft, Charakter. Er stellt auf Bio um, experimentiert mit Spontangärung, arbeitet an der eigenen Kompostbereitung und veredelt alte Müller-Thurgau-Reben zu Spätburgunder um. „Wir wollen Wein werden lassen, nicht machen“, sagt er. Diese Haltung, die er „kontrolliertes Nichtstun“ nennt, beschreibt gut, wie die Walters denken – präzise, aber mit Vertrauen ins Leben.

Das Fundament dafür bildet der Buntsandstein, der in Bürgstadt nicht nur die Böden, sondern auch das Licht färbt. Er gibt den Weinen Wärme, Finesse und eine unverwechselbare salzige Ader. Im Centgrafenberg und Hundsrück, den beiden großen Lagen des Ortes, entstehen Spätburgunder von Format – leise, aber ausdrucksstark, mit kühler Frucht, klarer Struktur und enormem Reifepotenzial.

Christoph hat das Weingut in den 1990er-Jahren aus einem landwirtschaftlichen Mischbetrieb heraus aufgebaut, Schritt für Schritt, ohne große Worte, aber mit Beharrlichkeit. Felix knüpft daran an – mit mehr Wissen, mehr Weltoffenheit, vielleicht auch mit etwas mehr Tempo. Der Vater lässt ihn machen, der Sohn hört zu. Diskussionen gehören dazu, aber immer mit Respekt. „Es geht nicht ums Ego“, sagt Christoph, „es geht um den Wein.“

Was diese Zusammenarbeit so besonders macht, ist die Balance zwischen Gelassenheit und Tatkraft, zwischen Erfahrung und Entdeckergeist. Die Walters stehen für eine Generation von Winzern, die nicht laut auftritt, sondern klug nachdenkt, sorgfältig arbeitet und sich treu bleibt. Dass der Vinum Weinguide 2025 ihnen gerade den vierten Stern verliehen hat, wirkt da fast wie eine Bestätigung – nicht für den schnellen Erfolg, sondern für Haltung, Geduld und Konsequenz.

Wer Bürgstadt besucht, spürt schnell: Hier geschieht Wandel in aller Ruhe. Und im Weingut Walter bekommt dieser Wandel ein Gesicht – oder besser gesagt: zwei.


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Neues Denken am Kaiserstuhl“ – Martin Schmidt über Wein, Wandel und Verantwortung https://www.wolfgangstaudt.com/blog/martin-schmidt/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/martin-schmidt/#comments Wed, 10 Dec 2025 17:51:50 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/martin-schmidt/ Weiterlesen

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Neues Denken am Kaiserstuhl“ – Martin Schmidt über Wein, Wandel und Verantwortung

Wie ein Unternehmer aus Leidenschaft das Weingut Kiefer neu erfand, sich für pilzwiderstandsfähige Rebsorten starkmacht und den deutschen Weinbau in eine nachhaltigere Zukunft führen will.

Wenn man Martin Schmidt begegnet, spürt man sofort diesen inneren Antrieb: die Mischung aus Bodenständigkeit, analytischem Denken und einer Lust auf Veränderung, die selten ist in einer Branche, die sich gern auf Tradition beruft. Am Kaiserstuhl, diesem warmen, vulkanisch geprägten Weinbaugebiet, hat er ein historisches Weingut übernommen und in bemerkenswert kurzer Zeit neu ausgerichtet. Das Weingut Kiefer war schon immer eine bekannte Marke, doch Martin hat ihm eine neue, zeitgemäße Identität verliehen – mit klaren Linien im Sortiment, präzisen Stilprofilen und einer Kommunikation, die Menschen nicht belehrt, sondern mitnimmt.

Dabei geht es ihm nicht um Effekthascherei. Sein Ansatz ist strategisch, handwerklich und zutiefst wertebasiert: „Wein ist mehr als ein Produkt. Wein ist Verantwortung. Für den Boden, für die Region, für die Menschen, die mit uns arbeiten – und für die Konsumenten, die uns ihr Vertrauen schenken.“ Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch: Er denkt in Kreisläufen, in Zusammenhängen, in langfristigen Entwicklungen.

Besonders deutlich wird das beim Thema PiWis – pilzwiderstandsfähige Rebsorten, die er nicht nur im eigenen Betrieb fördert, sondern bundesweit vorantreibt. Als Mitgründer des PiWi Kollektivs gehört er zu jenen, die früh erkannt haben, dass Klimawandel, Pflanzenschutz und gesellschaftliche Erwartungen neue Antworten erfordern. Für ihn sind PiWis kein modischer Trend, sondern eine notwendige Konsequenz aus veränderten Rahmenbedingungen. „Wir müssen als Branche lernen, intelligenter zu arbeiten. Weniger Spritzen. Mehr Vielfalt. Und Weine erzeugen, die nicht nur nachhaltig sind, sondern auch geschmacklich überzeugen.“

Das PiWi Kollektiv ist für ihn daher mehr als ein Zusammenschluss von Betrieben – es ist ein Labor für Stilentwicklung und Kommunikation. Man probiert, vergleicht, diskutiert, lernt voneinander. Und man versucht, die Neugier der Kundinnen und Kunden zu wecken. „Es geht nicht darum, PiWis zu rechtfertigen. Sie müssen schmecken – dann erledigt sich das Gespräch von selbst.“ Diese pragmatische Klarheit macht ihn zu einer wichtigen Stimme in einer Debatte, die oft ideologisch geführt wird.

Auch im Weinbauverband, wo er regional wie bundesweit Verantwortung trägt, setzt er auf Zukunftsthemen: Herkunftssysteme weiterentwickeln, Bürokratie reduzieren, Winzer qualifizieren, Nachhaltigkeit messbar machen. Er spricht offen darüber, dass die Branche an einem Wendepunkt steht. Die Anforderungen steigen, gleichzeitig wächst der wirtschaftliche Druck. „Wir können die Zukunft nicht mit den Werkzeugen der Vergangenheit gestalten.“ Für ihn bedeutet das: Mehr Kooperation, mehr Wissenstransfer, mehr Mut zu neuen Wegen – im Weinberg ebenso wie im Keller und in der politischen Arbeit.

Es ist diese Kombination aus unternehmerischer Energie, technischem Verständnis und strategischem Blick, die das Gespräch mit Martin Schmidt so spannend macht. Er ist keiner, der nur reagiert. Er gestaltet, denkt vorwärts, sucht Lösungen. Und er glaubt daran, dass Weinbau dann erfolgreich bleibt, wenn er wieder stärker Verbindung stiftet – zwischen Mensch und Natur, zwischen Tradition und Innovation, zwischen Verantwortung und Genuss.

„Wein ist Kommunikation“, sagt er zum Schluss. „Und solange wir zuhören – den Böden, dem Klima, den Menschen – haben wir alle Chancen.“


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Zwischen Alpenlicht und Burgundergeist“ – Sebastian Schmidt und die neue Eleganz vom Bodensee https://www.wolfgangstaudt.com/blog/sebastian-schmidt/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/sebastian-schmidt/#comments Wed, 10 Dec 2025 17:50:28 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/sebastian-schmidt/ Weiterlesen

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Zwischen Alpenlicht und Burgundergeist“ – Sebastian Schmidt und die neue Eleganz vom Bodensee

Ein Winzer, geprägt von Heimat, Weltläufigkeit und burgundischer Schule – und ein Weingut, das am bayerischen Bodensee eine ganz eigene Handschrift entwickelt.

Wenn man mit Sebastian Schmidt spricht, spürt man sofort diese besondere Mischung aus Bodenhaftung und Weltneugier. Der Bodensee ist seine Heimat, sein Kraftquell – und gleichzeitig das Sprungbrett in die weite Welt des Weins. Aufgewachsen in einem traditionsreichen Hof oberhalb des Sees, mit Blick über die Bregenzer Bucht bis tief hinein ins Appenzell, hat Sebastian diese Landschaft so sehr verinnerlicht, dass sie zu einem stillen Bestandteil seiner Weine geworden ist. Der See, das Licht, die Nähe der Alpen – all das prägt Klima und Charakter seiner Rebsorten ebenso wie die Menschen, die hier leben

Dabei war sein Weg zum heutigen Winzerprofil alles andere als geradlinig. Ein englisches Internat, das Marine-Offiziersleben auf einer Fregatte, Praktika in der Wachau und schließlich im Burgund – jede dieser Etappen hinterließ Spuren. In Frankreich, so erzählt er, habe er die „Kopfwäsche“ seines Lebens erlebt: Wein entsteht nicht aus Tabellen und Kontrollpunkten, sondern aus Erfahrung, Intuition und einem tiefen Vertrauen in die natürlichen Prozesse. „Der Feinschliff kommt nicht an der Uni, sondern von Meisterhand“, sagt er rückblickend

Und genau dieser Mix – Handwerk, Präzision, Laissez-faire, gepaart mit bodensee-typischer Klarheit – führt heute zu Weinen, die man in dieser Form am deutschen Markt kaum findet. Vor allem in seinem Weißburgunder „Zwirken“ zeigt sich Burgund in feiner Resonanz: ein Wein voller Eleganz, salziger Länge und einer texturalen Harmonie, die man eher bei einem Premier Cru erwarten würde. Kraft und Feinheit stehen hier nicht im Widerspruch, sondern formen eine Persönlichkeit, die nachhallt. Gleichzeitig beweist Sebastian mit dem Müller-Thurgau „Drumlin“, wie viel Tiefe und Struktur man einer lange unterschätzten Sorte entlocken kann – frühe Lese, präzise Säurehaltung, spontaner Ausbau, ein Hauch Fass, straffe Mineralik. Ein Müller-Thurgau, der verblüfft und lange bleibt

Wesentlich hierfür ist auch das Weingut selbst: ein moderner Holzbau, der sich komplett in die Landschaft schmiegt und bewusst auf Beton-Ästhetik verzichtet. Ein Ort, der Wärme und Naturverbundenheit ausstrahlt – und die stilistische Philosophie der Schmidts sichtbar macht. Die Familie lebt Weinbau seit Generationen, aber der große Entwicklungsschub kam mit Sebastians Rückkehr 2012 und dem Neubau 2014. Seitdem sind Keller, Weinberge und Team zu einem organischen Ganzen gewachsen

Sebastians Blick in die Zukunft bleibt dabei wohltuend bescheiden: kein Flächenwachstum, keine Hektik, sondern Feinschliff. Chardonnay und Spätburgunder sieht er als langfristige Königsdisziplinen des Bodensees – doch alles mit Ruhe, Reife und Vertrauen. „Ich möchte einfach gelassen durch die Weinberge schlendern und mich freuen, dass es so ist, wie es ist“, sagt er – ein Satz, der viel über diesen Winzer verrät

Und vielleicht liegt genau darin der Zauber seiner Weine: Sie sind geprägt von Welt und Heimat, aber sie ruhen vollkommen in sich selbst.


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Gerald Baldauf: Bio reicht nicht – was ihn wirklich antreibt https://www.wolfgangstaudt.com/blog/geraldbaldauf/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/geraldbaldauf/#comments Fri, 01 Aug 2025 16:47:26 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/geraldbaldauf/ Weiterlesen

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Gerald Baldauf: Bio reicht nicht – was ihn wirklich antreibt

Ein Gespräch über Herkunft, Haltung und die Kunst, als großer Betrieb glaubwürdig zu bleiben

Für die Folge 210 meines Podcasts "Genuss im Bus" war ich wieder mal in Franken unterwegs. Diesmal jedoch nicht rund um Würzburg oder an einem der anderen bekannten Hotspots. Aber Spaß gemacht hat die Tour und ebenso die Begegnung mit Menschen, denen ich bislang noch nicht begegnet war. Gerald Baldauf zum Beispiel.

Ein Seitental. Ein Biobetrieb. Ein Anspruch. 

Ramsthal – ein kleiner Ort am nördlichen Rand Frankens, kurz vor der Rhön. Abgelegen, karg, cool. Wer hier Wein macht, tut das nicht, weil es einfach ist – sondern weil es richtig ist. Gerald Baldauf ist so einer. Gemeinsam mit Bruder, Sohn, Neffe und einem engagierten Team führt er einen der größten Biobetriebe Frankens – und stellt sich trotzdem nicht gern in den Mittelpunkt. Aber in dieser Podcast-Episode hat er es getan. Und das war gut so.

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Bio ist Haltung – nicht Etikett

Gerald spricht offen – über Bio und Boden, über Haltung und Herausforderungen, über Maschinenlese, CLEES und Cool Climate. Über Frost, der einem den Schlaf raubt. Und über Skaleneffekte, die man sich erarbeitet hat – und die helfen, ohne dass sie das Ziel sind. Er macht klar: Bio allein reicht nicht. Es geht um mehr. Um Konsequenz. Und um Qualität, die sich nicht über einen Stempel definiert.

CLEES, PIWIs, Silvaner – das Spannungsfeld im Glas

Wir sprechen über die Linie CLEES und die Frage, wie man mit gemischtem Traubenportfolio glaubwürdig bleibt. Über PIWIs als Zukunftsoption und Silvaner als Identitätsanker. Über Ertragsmanagement, physiologische Reife, Bodenpflege, Frostschutz – und über die Kunst, in schwierigen Jahren die Ruhe zu bewahren.

Verantwortung ist keine Frage der Größe

Geralds Botschaft ist klar: Größe ist kein Nachteil – solange man Verantwortung lebt. Er steht für eine Art des Weinmachens, die offen ist für Wandel, aber nicht beliebig wird. Für Entwicklung, ohne Selbstverleugnung. Und für den Wunsch, sich jeden Tag ein Stück zu verbessern – für die Region, die Familie, den Betrieb. Hier bekommst Du weitere Informationen: www.baldaufwein.de

Die Folge kannst du auch auf allen Podcast-Plattformen hören – oder direkt hier oben auf der Seite.

Weitere Folgen, Webinare und Masterclasses findest du auf wolfgangstaudt.com.



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Robert Haller im Gespräch – Ein Leben für den Wein, ein Abschied mit Haltung https://www.wolfgangstaudt.com/blog/robert-haller-3/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/robert-haller-3/#comments Fri, 01 Aug 2025 10:08:23 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/robert-haller-3/ Weiterlesen

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Robert Haller im Gespräch – Ein Leben für den Wein, ein Abschied mit Haltung

Drei Jahrzehnte Verantwortung für Menschen, Weinberge und Entscheidungen – nun geht Robert Haller in den Ruhestand. Ein Gespräch über Herkunft, Wandel, Silvaner und die Kunst, loszulassen.


Robert Haller hat das Bürgerspital Würzburg über Jahrzehnte geprägt – leise, klar, mit Haltung. Er steht wenige Tage vor seiner Pensionierung, als wir uns für diese Podcast-Episode treffen. Und gerade dieser Moment – der Übergang in eine neue Lebensphase – verleiht unserem Gespräch eine besondere Intensität.

Denn was bleibt, wenn man Verantwortung abgibt? Wenn der Alltag sich verändert, das Büro leer wird – aber die innere Stimme wach bleibt?

Robert Haller blickt mit ruhiger Klarheit auf einen ungewöhnlichen Lebensweg zurück: auf seine Kindheit in Sindelfingen, die ersten Berufsjahre bei IBM, den mutigen Umstieg in den Weinbau, das Studium in Geisenheim, prägende Erfahrungen in der Toskana – und schließlich die langjährige Verantwortung als Weingutsdirektor im Bürgerspital Würzburg.

Und wir sprechen über:

  • Werte und Prägungen, die ihn geleitet haben,
  • die Verbindung von technischer Klarheit und sinnlicher Tiefe,
  • die Entwicklung des Silvaners,
  • die Rolle des Bürgerspitals in der fränkischen Weinlandschaft,
  • und über das, was Führung in einer Stiftung mit sozialem Auftrag wirklich bedeutet.

Haller spricht über Verantwortung, über Veränderung, über die VDP-Klassifikation, die Corona-Zeit – aber auch über Weine, die bleiben, über das Vertrauen in seine Nachfolge und über einen ganz persönlichen inneren Kompass.

Kapitel & Themen im Überblick

00:00 – Begrüßung & persönliche Situation kurz vor dem Ruhestand

04:10 – Kindheit in Sindelfingen & erste Berührung mit dem Wein

08:40 – Von der IBM zum Wein: innere Entscheidung & zweite Bildungsweg

13:10 – Geisenheim & Toskana: Prägung, Stilgefühl & Aufbruch

18:30 – Erste Verantwortung: Weingut Fürst Löwenstein

22:00 – Ankommen im Bürgerspital: Vision, Demut & Umsetzung

27:40 – Stilistik & Silvaner: Mineralität, Klarheit, Herkunft

33:10 – Mitarbeiterführung & Teamstruktur: auf Augenhöhe

37:25 – Krisen & Brüche: 2010, Jubiläumsjahr, Corona

44:00 – Wandel im Weinbau: Klima, Konsum, Struktur

50:30 – Lagenklassifikation & VDP: Überzeugung & Wirkung

55:20 – Was bleibt: Dank, innere Haltung, Lebenskompass

59:00 – Abschied, Nachfolge & der Blick auf den Stein


Weiterführende Infos

- Weingut Bürgerspital: www.buergerspital.de

- VDP Franken: www.vdp.de/franken

- Podcast-Archiv: www.wolfgangstaudt.com/blog

- Weinkenner Masterclass: www.dr-staudt-weinerlebnisse.de



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Philipp Wedekind: Haltung, Hoffnung, PIWI – ein Weingut am Wendepunkt https://www.wolfgangstaudt.com/blog/philipp-wedekind-haltung-hoffnung-piwi-ein-weingut-am-wendepunkt/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/philipp-wedekind-haltung-hoffnung-piwi-ein-weingut-am-wendepunkt/#comments Fri, 04 Jul 2025 11:56:59 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/philipp-wedekind-haltung-hoffnung-piwi-ein-weingut-am-wendepunkt/ Weiterlesen

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Philipp Wedekind: Haltung, Hoffnung, PIWI – ein Weingut am Wendepunkt

Biowinzer Philipp Wedekind über Cabernet Blanc, ehrliches Weinmachen – und die Frage, wie lange Haltung reicht, wenn der Markt nicht mitspielt.


In dieser Episode treffe ich Philipp Wedekind, Biowinzer aus Nierstein – einen, der nicht mit der Mode geht, sondern seinen eigenen Weg verfolgt: kompromisslos ökologisch, mit PIWI-Rebsorten, Pflanzenkohle im Boden und viel Gespür für das Zusammenspiel von Mensch, Rebe und Natur.

Wir sprechen über seine Lieblingsweine – Cabernet Blanc, Muscaris und Cabernet Jura – über seine Philosophie im Weinberg und im Keller, über Netzwerke wie Ecovin oder die Zukunftswinzer, aber auch über die Schattenseite dieses Berufs: die wirtschaftliche Enge, den Druck durch Banken und die Frage, wie man in schwierigen Zeiten Haltung bewahren kann.

Ein Gespräch über Hoffnung, Verantwortung und darüber, wie viel Persönlichkeit im Glas stecken kann – gerade wenn der Weg steinig wird.

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In dieser Folge erfährst du:

- warum Philipp auf PIWI-Rebsorten wie Cabernet Blanc und Muscaris setzt

- was Pflanzenkohle im Weinbau bewirken kann

- welche Rolle Herkunft und Terroir bei neuen Rebsorten spielen

- warum sein Betrieb wirtschaftlich unter Druck steht – und was ihn trotzdem weitermachen lässt

- wie Cabernet Jura zum roten Gegenentwurf wurde

Mehr über Philipp und seine Weine findest du hier:

🔗 https://www.weingut-wedekind.de/

Kostenlose Webinare mit mir und spannenden Winzern:

🔗 www.wolfgangstaudt.com

Für Enthusiasten - die Weinkenner Masterclass:

🔗 www.dr-staudt-weinerlebnisse.de


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KarSey Winemaking - Mit sechs Fässern und einer alten Korbpresse starten Cris & Pia von https://www.wolfgangstaudt.com/blog/karsey-winemaking/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/karsey-winemaking/#comments Fri, 20 Jun 2025 10:12:28 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/karsey-winemaking/ Weiterlesen

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Mit sechs Fässern und einer alten Korbpresse – Cris & Pia von KarSey Winemaking

Ohne familiären Betrieb, aber mit klarer Vision: Pia & Cris haben ihr eigenes Naturweingut im Steigerwald aufgebaut. Ein Gespräch über Mut, Biodiversität, Familienzeit – und die Kraft, eigene Wege zu gehen.

Cris & Pia von KarSey Winemaking haben sich ihren Traum erfüllt: ein eigenes Weingut, ganz ohne geerbte Flächen – aber mit viel Mut, Hingabe und einem tiefen Verständnis für die Natur.

Mitten im Steigerwald, in einem alten Bauernhof, der zum Weingut wurde, entstehen heute handwerkliche Naturweine mit Ecken, Kanten – und Haltung.

Im Gespräch erzählen die beiden von ihrem Weg:

– vom Geisenheim-Studium zur Hofrenovierung

– von Biodiversität, regenerativer Bodenarbeit und Low Intervention im Keller

– von Zeit als Stilmittel und dem Vertrauen in den natürlichen Verlauf

Wir sprechen über Familiengründung und Betriebsgründung zugleich, über Feedback als Motor, über die GbR-Zeit als Lernprozess – und über die Vision, Wein wieder als echtes Naturprodukt zu begreifen.

Eine Folge über Neuanfänge, Partnerschaft, Erdverbundenheit – und über zwei Menschen, die etwas wagen.


KarSey Winemaking Website: https://karsey-winemaking.de

Kostenlose Live-Webinare im Juli

🥂 15.07. „Champagner war gestern?“ – Mit Michel Andres

🌱 16.07. „Regenerativer Weinbau“ – Mit Fred Loimer

🌋 29.07. „Die Vulkangeneration“ – Junge Winzer aus Rheinhessen

Zur Anmeldung: https://www.wolfgangstaudt.com/weinkenner-insights/

Weinkenner Masterclass – Start im November

Ein halbes Jahr Tiefe, Struktur und echter Austausch.

Alle Infos & Anmeldung: www.sr-staudt-weinerlebnisse.de

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Philipp Emmich – Ein junger Winzer auf dem Weg zur eigenen Handschrift https://www.wolfgangstaudt.com/blog/philipp-emmich/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/philipp-emmich/#comments Sat, 07 Jun 2025 16:48:49 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/philipp-emmich/ Weiterlesen

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Philipp Emmich – Ein junger Winzer auf dem Weg zur eigenen Handschrift

Ein Podcast-Gespräch über Stilwandel, Familienstrukturen und die Kunst, neue Wege zu gehen.

Philipp Emmich ist 27 Jahre alt, hat bei Wagner-Stempel gelernt und in Geisenheim studiert. Heute bringt er als junger Winzer frischen Wind ins traditionsreiche Familienweingut Neef-Emmich in Rheinhessen.

In dieser Episode geht es um das Spannungsfeld zwischen Vater und Sohn, um Chardonnay-Pläne, neue Etiketten, Spontangärung – und um Rieslinge aus dem Höllenbrand und Hundskopf, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Philipp spricht offen über Verantwortung, Veränderung und darüber, wie man seinen eigenen Stil findet, ohne die Wurzeln zu verlieren.

➡️ Webinare: www.wolfgangstaudt.com

➡️ Infos zur Weinkenner Masterclass (Start Herbst 2025): www.dr-staudt-weinerlebnisse.de/webinare

➡️ Philipp Emmich / Weingut Neef-Emmich: https://neef-emmich.de/



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Jan Matthias Klein und der Staffelter Hof - vom ältesten Weingut der Welt in die Zukunft des Weinbaus https://www.wolfgangstaudt.com/blog/jan-matthias-klein/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/jan-matthias-klein/#comments Fri, 06 Jun 2025 14:16:00 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/jan-matthias-klein/ Weiterlesen

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Jan Matthias Klein und der Staffelter Hof - vom ältesten Weingut der Welt in die Zukunft des Weinbaus

Naturweine, PiWis, Vitiforst – und ein Hof, der mehr ist als ein Weingut: Wie Jan Matthias Klein die Mosel neu denkt.


Der Staffelter Hof in Kröv ist mehr als ein Weingut – er ist ein Ort voller Geschichte, Haltung und Vision. Mit seiner Gründung im Jahr 862 gilt er als eines der ältesten Weingüter der Welt. Doch was ihn heute so besonders macht, ist nicht nur die Vergangenheit, sondern vor allem das, was Jan Matthias Klein daraus gemacht hat.

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Jan Matthias Klein: Zwischen Wildfang und Vordenker

In Episode 206 von „Genuss im Bus“ treffe ich Jan zu einem intensiven Gespräch über die Transformation eines Traditionsbetriebs. Nach Stationen in Neuseeland, Australien und einem Studium in Weinmarketing in Heilbronn ist Jan 2005 in den Familienbetrieb eingestiegen – und hat ihn seither Stück für Stück neu aufgestellt. Dabei geht es ihm nicht nur um andere Rebsorten oder Anbaumethoden, sondern um ein grundsätzlich neues Verständnis von Weinbau: ökologisch, gemeinschaftlich, kulturell verankert.

„Ich habe irgendwann gemerkt: Es geht nicht nur darum, guten Wein zu machen. Es geht auch darum, wie wir leben wollen“, erzählt Jan im Podcast. Diese Haltung zieht sich durch alles, was heute auf dem Staffelter Hof passiert. Der Betrieb ist bio-zertifiziert, nutzt PiWis wie Muscaris, Sauvignac oder Satin Noir, setzt auf Permakultur und alternative Anbauflächen – nicht nur für Reben, sondern auch für Gemüse, Getreide und Bäume. Ein agroforstliches System entsteht, das Vielfalt, Bodengesundheit und Resilienz fördern soll. Ziel ist die CO₂-Neutralität.

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Natur, Netzwerk, Neugier – was den Staffelter Hof antreibt

Ein Herzstück des Staffelter Hofs ist aber auch die Gemeinschaft. Nicht nur die Familie, die beim Mittagessen zusammenkommt, sondern auch die vielen internationalen Gastwinzer:innen, die regelmäßig am Hof arbeiten – und oft eigene Weine dort vinifizieren. Und natürlich Gundi, Jans Mutter, die mit ihrem 800 m² großen Gemüsegarten und ihrer offenen Küche für viele das Herz des Hofs ist. Der Staffelter Hof ist ein sozialer Ort, an dem Gastfreundschaft, Kreativität und Austausch gelebt werden.

Dabei ist Jan kein Einzelkämpfer. Er spricht im Podcast über seine Mentoren – Daniel Vollenweider, Thorsten Melsheimer, Rudi Trossen – und seine Mitwirkung an der Initiative „Vision Mosel“, die neue Impulse in die Region bringen soll. Für ihn ist klar: Die Zukunft des Weinbaus entsteht im Dialog – über Grenzen, Generationen und Konventionen hinweg.

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Ob technische Pannen, Weinbergsprobleme oder unerwartete Katastrophen - Gerd Klein ist immer zur Stelle

Etiketten mit Eigensinn – Wein, der nicht schweigt

Und dann ist da natürlich der Wein selbst: Etwa zur Hälfte Naturweine, spontan vergoren, ungeschönt, unfiltriert – darunter klangvolle Namen wie "Rizzy Starmust", "Little Red Riding Wolf", „Little Bastard“, „Papa Panda’s Rising“ oder „Orange-Utan“. Die Etiketten sind auffällig, verspielt und mutig – und längst Teil des Erfolgs. „Wenn du willst, dass junge Leute Wein trinken, musst du ihnen auch Wein geben, der sie anspricht“, sagt Jan. Wein ist für ihn Kommunikation – ehrlich, lebendig, zugänglich.

In der Episode sprechen wir über all das – aber auch über Fehler, über Glück, über Musik („Wenn der Staffelter Hof ein Musikstück wäre, dann irgendwas mit Ecken und Kanten, wahrscheinlich komplexer Hardrock“) und über die Freude am Ausprobieren. Es ist ein Gespräch, das Lust macht: auf Zukunft, auf Wandel – und auf Wein.

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Lust auf mehr Tiefe im Glas?

Neugierig geworden? Dann hör rein in Episode 206 von „Genuss im Bus“ – überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn du selbst tiefer in die Welt des Weins eintauchen möchtest, dann dich hier auf meiner Website um: Dort findest du nicht nur die nächsten kostenlosen Live-Webinare (https://www.wolfgangstaudt.com/weinkenner-insights), sondern auch alle Infos zur Weinkenner Masterclass (https://dr-staudt-weinerlebnisse.de) – meiner Ausbildung für alle, die Wein mit Tiefgang entdecken wollen.

Lass es Dir schmecken!

Wolfgang



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Benedikt Schnürr – ein junger Zukunftswinzer spricht über PiWis, Vertrauen und Verantwortung https://www.wolfgangstaudt.com/blog/benedikt-schnuerr/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/benedikt-schnuerr/#comments Fri, 09 May 2025 09:26:00 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/benedikt-schnuerr/ Weiterlesen

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Benedikt Schnürr – ein junger Zukunftswinzer spricht über PiWis, Vertrauen und Verantwortung

Zwischen Innovation und Tradition: Wie Benedikt Schnürr den Familienbetrieb in Rheinhessen mit Pioniergeist und klarer Haltung in die Zukunft führt

Mit gerade einmal 24 Jahren ist Benedikt Schnürr bereits eine tragende Säule im Familienbetrieb Wohlgemuth-Schnürr in Rheinhessen. In der dritten Folge meiner Serie „Zukunftswinzer“ erzählt er, wie er Verantwortung übernimmt, wie Vertrauen gewachsen ist – und warum er bei neuen Rebsorten früh auf Zukunft setzt.

60 % Piwi – eine klare Haltung

Schon heute sind rund 60 % der Rebfläche des Weinguts mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PiWis) bestockt – ein deutschlandweit nahezu einmaliger Wert. Für Benedikt ist das keine Notlösung, sondern ein konsequenter Schritt in Richtung zukunftsfähiger Landwirtschaft.

Er sagt: „Wer früh beginnt, hat später einen Vorteil.“ Und diesen Pioniergeist lebt er mit Überzeugung – auch wenn es manchmal bedeutet, Kunden und Fachwelt von neuem Geschmack und neuen Namen zu überzeugen.

Eigene Linie, eigene Handschrift

Neben dem gemeinsamen Sortiment mit seinen Eltern hat Benedikt eine eigene Linie von rund acht Weinen aufgebaut, die durch Spontangärung, reduzierten Schwefeleinsatz und längeren Ausbau geprägt ist. Für ihn ist das nicht nur ein Experimentierfeld, sondern ein Ausdruck seines Stils: pur, klar, individuell.

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Persönlich bis zur Haustür – neu gedacht statt anachronistisch

Früher war es gang und gäbe: Winzer fuhren ihre Weine selbst zu den Kunden. Heute wirkt das in Zeiten von Online-Shops, Logistikzentren und Dropshipping fast wie ein Anachronismus.

Doch Benedikt und seine Familie gehen diesen Weg ganz bewusst weiter – nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung.

90 % der Weine gehen direkt an Endverbraucher, viele davon werden persönlich ausgeliefert – durch einen eigens angestellten Fahrer, der mehrere Monate im Jahr unterwegs ist. Das schafft Nähe, Kundenbindung und einen Austausch, der weit über „Flasche gegen Geld“ hinausgeht.

In einer zunehmend anonymisierten Weinwelt wird so eine alte Idee zu einem modernen Qualitätsmerkmal: Persönlich, verbindlich, nachhaltig.

Weinfeste mit Musik, Kulinarik und Seele

Dass es beim Weingut Wohlgemuth-Schnürr nicht nur um Flaschen und Zahlen geht, merkt man spätestens, wenn man eines der regelmäßig stattfindenden Events auf dem Hof erlebt. Mehrere Hundert Gäste, Livemusik, gutes Essen, entspannte Atmosphäre – hier wird der Weinbau zum gelebten Kulturgut.

Benedikt erzählt mit spürbarer Freude, wie diese Feste Menschen verbinden – und wie sie ihm selbst Rückhalt und Energie geben.

Die Piwi-Zukunft im Glas: fünf Sorten im Porträt

Im Gespräch werfen wir auch einen genaueren Blick auf einzelne PiWi-Sorten:

Calardis Blanc, Sauvignac, Souvignier Gris, Cabernet Blanc und Muscaris – wie unterscheiden sie sich sensorisch? Wie verhalten sie sich im Ausbau? Und welche Sorte hat das größte Potenzial für die Zukunft?

Benedikt gibt differenzierte Einblicke, schildert Herausforderungen – und erklärt, warum manche Sorten ihr volles Potenzial noch nicht zeigen können.

Vertrauen und Verantwortung

Ein zentrales Thema zieht sich durch das Gespräch: das Vertrauen seiner Eltern, das Benedikt spürbar genießt. Ob Weinbergsentscheidungen, Sortimentsentwicklung oder Stilfragen – vieles darf er frei gestalten. Gleichzeitig spürt er die Verantwortung, die mit dieser Freiheit einhergeht.

Seine Dankbarkeit ist spürbar – und vielleicht ist genau dieses Miteinander der Schlüssel, warum dieser Übergang zwischen Generationen so gut gelingt.

Jetzt reinhören – und Zukunft mitdenken

Die ganze Episode mit Benedikt Schnürr gibt es ab sofort überall, wo es Podcasts gibt – oder direkt hier auf Podigee.

Wenn du mehr über Zukunftsweine, nachhaltigen Weinbau und neue Perspektiven im Glas erfahren willst, dann lade ich dich außerdem herzlich zu meinen kostenlosen Webinaren ein.

Und wer noch tiefer einsteigen will, kann sich jetzt schon auf die nächste Weinkenner Masterclass im Herbst freuen.


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Zukunft mit Substanz – Wie Tobias Hemberger Nachhaltigkeit lebt https://www.wolfgangstaudt.com/blog/zukunft-mit-substanz/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/zukunft-mit-substanz/#comments Fri, 18 Apr 2025 05:05:00 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/zukunft-mit-substanz/ Weiterlesen

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Zukunft mit Substanz – Wie Tobias Hemberger Nachhaltigkeit lebt

Ein junger Zukunftswinzer aus Franken über neue Reben, Ressourcenschonung und die Kraft gemeinsamer Visionen

Tobias Hemberger schaut voraus und handelt nachhaltig - Zukunft mit Substanz. In Episode 202 meines Podcasts "Genuss im Bus" spreche ich mit ihm über neue Reben, Ressourcenschonung und die Kraft gemeinsamer Visionen.

Zukunftswinzer im Porträt: Tobias Hemberger aus Franken

Die Zukunft des Weinbaus braucht Menschen, die weiterdenken. Menschen, die sich nicht nur auf neue Rebsorten verlassen, sondern Nachhaltigkeit als Haltung verstehen. Einer von ihnen ist Tobias Hemberger. Der junge Winzer aus Franken ist nicht nur ein engagierter PiWi-Pionier, sondern auch Teil der Winzergruppe ETHOS, die sich auf umfassende Weise dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben hat.

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Neue Rebsorten, alte Verantwortung

Tobias arbeitet mit Zukunftsreben, die weniger Pflanzenschutzmittel benötigen und besser mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommen. Doch für ihn ist das nur ein Baustein: „Zukunft beginnt im Kopf und braucht klare Entscheidungen.“

In der neuen Podcast-Episode von Genuss im Bus spricht er darüber, warum er sich für Zukunftsweine entschieden hat, wie er sie kommuniziert – und was ihn daran überzeugt. Dabei wird klar: PiWis sind für ihn kein Marketinginstrument, sondern Ausdruck einer Grundhaltung.

Photovoltaik, Zisterne, Kompost – Nachhaltigkeit in der Praxis

Im Gespräch mit Wolfgang Staudt wird deutlich: Tobias redet nicht nur über Verantwortung, er lebt sie. Auf seinem Betrieb setzt er auf eine große Photovoltaik-Anlage, nutzt eine Zisterne zur Regenwassersammlung und betreibt eine eigene Kompostwirtschaft.

Er sagt selbst: „Ich will nicht warten, bis andere etwas verändern. Ich will anfangen.“

ETHOS: Gemeinsam für mehr als Bio

Mit der Gruppe ETHOS zeigt Tobias, dass nachhaltiger Weinbau auch eine Frage der Gemeinschaft ist. Junge Winzer:innen aus Franken haben sich hier zusammengeschlossen, um voneinander zu lernen, neue Maßstäbe zu setzen und Haltung sichtbar zu machen. Sie verstehen Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und wirtschaftlich.

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Jetzt reinhören – und weiterdenken

Die Episode mit Tobias Hemberger ist Teil der Podcast-Serie Zukunftswinzer. In dieser Reihe geht es um Winzer:innen, die mutig neue Wege gehen – mit Ideen, Haltung und manchmal auch Gegenwind.

Jetzt auf Spotify, Apple Podcasts oder direkt hier im Blog reinhören:

→ Episode 202: Tobias Hemberger denkt Weinbau neu

Live-Webinar mit Eva Vollmer

Du willst noch tiefer in das Thema einsteigen? Dann sichere dir jetzt deinen Platz beim kostenlosen Live-Webinar mit Eva Vollmer:

Zukunftsweine zwischen Hoffnung und Realität – Was neue Rebsorten heute schon leisten

📅 3. Juni 2025 | 19.30 Uhr

🔗 https://www.wolfgangstaudt.com/zukunftswinzer/


Auf bald und lass' es Dir schmecken!

Wolfgang


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Zukunftsweine – Warum Eva Vollmer für eine neue Reben-Generation kämpft https://www.wolfgangstaudt.com/blog/zukunftsweine-eva-vollmer/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/zukunftsweine-eva-vollmer/#comments Fri, 04 Apr 2025 06:06:00 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/zukunftsweine-eva-vollmer/ Weiterlesen

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Zukunftsweine – Warum Eva Vollmer für eine neue Reben-Generation kämpft

Zum Auftakt der neuen Podcast-Serie "Zukunftswinzer" spricht Eva Vollmer über Chancen, Widerstände und ihren eigenen Weg mit neuen Rebsorten.


Der Weinbau steht unter Druck. Klimawandel, Strukturveränderungen, Fachkräftemangel und Preisverfall bringen viele Betriebe an ihre Grenzen. Die Zeit des "Weiter so" ist vorbei. Doch was kommt danach? Eine mögliche Antwort: Zukunftsweine aus Zukunftsreben.

Zukunftsreben: Eine Bewegung kommt ins Rollen

In der Auftaktepisode meiner neuen Podcast-Serie "Zukunftswinzer" spreche ich mit Eva Vollmer, Winzerin aus Mainz-Ebersheim, über ihren Weg mit neuen, pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PiWis) – und warum sie mehr darin sieht als nur eine Notlösung.

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"Ich wollte keine Reben, die viel brauchen, sondern welche, die viel können."

Eva Vollmer erzählt von ihrem Perspektivwechsel: vom klassischen Denken hin zu einem Weinbau, der in Kreisläufen denkt. Sie berichtet von Rebsorten, die weniger Pflanzenschutz brauchen, besser mit Trockenheit klarkommen und trotzdem Weine hervorbringen, die Charakter haben und im Markt funktionieren.

Doch sie verschweigt auch die Herausforderungen nicht: gesetzliche Vorgaben, mangelnde Akzeptanz bei Kollegen, Skepsis im Handel. Gerade deshalb sei es so wichtig, dass Zukunftswinzer:innen sichtbar werden – in der Branche, bei Konsument:innen und in der öffentlichen Debatte.

Neue Rebsorten: Was sie leisten müssen – und was nicht

Im Gespräch mit Eva Vollmer wird deutlich: Es geht nicht um Heilsversprechen, sondern um neue Möglichkeiten. Zukunftsreben allein retten den Weinbau nicht. Aber sie können ein zentraler Baustein sein auf dem Weg zu einem Weinbau, der nachhaltiger, wirtschaftlich tragfähiger und resilienter wird.

Dabei stehen nicht nur ökologische Aspekte im Fokus, sondern auch wirtschaftliche: weniger Spritzmittel, weniger Arbeitsaufwand, mehr Planungssicherheit – besonders für kleinere Betriebe, Nebenerwerbswinzer oder junge Gründer:innen.

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Webinar mit Eva Vollmer: Jetzt live dabei sein!

Wer tiefer einsteigen möchte, hat die Gelegenheit dazu: Am 3. Juni um 19.30 Uhr findet ein kostenloses Live-Webinar mit Eva Vollmer und mir statt:

"Zukunftsweine zwischen Hoffnung und Realität – Was neue Rebsorten heute schon leisten"

Es geht um praktische Erfahrungen, offene Fragen und ehrliche Einschätzungen zur Zukunft des Weinbaus. Jetzt anmelden – der Link steht unten.

Jetzt reinhören & weiterdenken

Die Episode mit Eva Vollmer ist der Auftakt einer ganzen Reihe von Gesprächen mit Winzer:innen, die neue Wege gehen. In den kommenden Wochen folgen weitere Episoden der "Zukunftswinzer"-Serie.

Jetzt anhören auf Spotify, Apple Podcasts oder direkt hier im Blog – und nicht vergessen: Webinarplatz sichern!

👉 Zur Anmeldung: https://www.wolfgangstaudt.com/weinkenner-insights/


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Klimawandel & Weinbau – Prof. Dr. Hans Reiner Schultz über die Zukunft der Reben https://www.wolfgangstaudt.com/blog/klimawandel-weinbau-hans-schultz/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/klimawandel-weinbau-hans-schultz/#comments Fri, 21 Mar 2025 09:02:03 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/klimawandel-weinbau-hans-schultz/ Weiterlesen

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Klimawandel & Weinbau – Prof. Dr. Hans Reiner Schultz über die Zukunft der Reben

Wie verändert der Klimawandel den Weinbau – und was kommt auf uns zu?

Steigende Temperaturen, extreme Wetterereignisse, neue Herausforderungen für Rebsorten – der Klimawandel verändert den Weinbau unwiderruflich. Doch was bedeutet das konkret?

📌 Werden in 30 Jahren noch Riesling aus dem Rheingau und Spätburgunder von der Ahr möglich sein?

📌 Wird Wasser zur neuen Währung im Weinbau?

📌 Müssen wir uns von klassischen Anbaugebieten verabschieden und Weinbau in höheren Lagen oder nördlicheren Regionen neu denken?

In dieser besonderen Jubiläumsfolge 200 von Genuss im Bus spreche ich mit Prof. Dr. Hans Reiner Schultz, Präsident der Hochschule Geisenheim und einer der weltweit führenden Experten für die Klimafolgen im Weinbau.

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Klimawandel & Weinbau – die harten Fakten

✔ Frühere Lesezeitpunkte – Die Trauben erreichen schneller die Zuckerreife, wodurch die Vegetationsperiode insgesamt verkürzt wird.

✔ Unberechenbares Wetter – Ein milder Winter führt zu einem frühen Austrieb, der durch Spätfröste wieder gefährdet wird. Dazu kommen extreme Trockenperioden, gefolgt von Starkregen oder Hagel.

✔ Veränderte Reifeprozesse – Viele Rebsorten reagieren empfindlich auf die neuen Temperaturverläufe, was die Balance zwischen Zucker, Säure und Aromen verändert.

✔ Neue Krankheitsbilder & Schädlinge? – Droht eine neue Plagezeit im Weinbau? Welche neuen Bedrohungen erwarten uns?

Die große Frage lautet: Geht das in den kommenden Jahren so weiter – oder gibt es Möglichkeiten der Stabilisierung?

Rebanlage mit Trauben

Der Blick nach vorn: Was können Winzer tun?

Themen, die wir in dieser Episode besprechen:

  • Wird Wasser zum limitierenden Faktor für den Weinbau?
  • Welche Regionen profitieren – und welche werden langfristig kämpfen müssen?
  • Müssen Winzer neue Strategien für Rebsorten und Lagen entwickeln?
  • Sind PiWis die Rettung – oder nur ein Kompromiss?
  • Braucht es ein neues Verständnis von Landwirtschaft – weniger Monokultur, mehr Biodiversität?
  • Welche Winzer sind heute schon Vorbilder für einen klimafitten Weinbau?
  • Und vor allem: Wie könnte eine positive Vision für den Weinbau 2050 aussehen?

Reben1

🎧 Jetzt reinhören!

Vielleicht gibt es bald die Möglichkeit, mit Experten wie Prof. Schultz in einem interaktiven Webinar tiefer in dieses Thema einzutauchen. Bleib dran – mehr Infos folgen!

Und noch was: Was denkst du über die Zukunft des Weinbaus? Schreib mir hier direkt unter dem Beitrag oder auf Instagram oder LinkedIn – ich freue mich auf den Austausch!

Lass' es Dir schmecken!

Wolfgang

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Krise des Weinbaus - Prof. Dr. Simone Loose über dramatische Zeiten für Winzer https://www.wolfgangstaudt.com/blog/weinbau-krise-simone-loose/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/weinbau-krise-simone-loose/#comments Fri, 07 Mar 2025 09:43:58 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/weinbau-krise-simone-loose/ Weiterlesen

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Dramatische Zeiten für Winzer – Prof. Simone Loose über die Zukunft des deutschen Weinbaus

Der Weinbau steht unter Druck – was bedeutet das für die Zukunft?

Der deutsche Weinmarkt verändert sich rasant. Steigende Kosten, sinkende Rentabilität und ein sich wandelndes Konsumverhalten setzen immer mehr Winzern zu. Viele Betriebe stehen vor der Frage: Wie lange geht das noch gut?

Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind enorm: Von hohen Produktionskosten über den Preisdruck im Handel bis hin zu einem veränderten Kaufverhalten der Verbraucher. Wer in Zukunft bestehen will, muss sein Geschäftsmodell überdenken.

  • Doch gibt es überhaupt Lösungen?
  • Welche Stellschrauben können Winzer jetzt drehen?
  • Und wie wird sich der deutsche Weinmarkt in den nächsten Jahren entwickeln?

Über all das spreche ich in dieser Episode mit Prof. Dr. Simone Loose, Leiterin des Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft an der Hochschule Geisenheim.

Rheingau Rhein

Warum geraten immer mehr Weinbaubetriebe wirtschaftlich unter Druck?

Die Weinbranche steht vor einer vielschichtigen Krise. Während die Kosten für Energie, Löhne und Materialien stetig steigen, bleibt die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher oft niedrig. Supermärkte setzen auf Rabatte, Direktvermarktung wird anspruchsvoller – und viele Winzer geraten in eine finanzielle Schieflage.

Laut aktuellen Studien zeichnet sich ab, dass in den kommenden Jahren einige Betriebe aufgeben müssen. Doch für andere kann die Krise auch eine Chance sein – wenn sie frühzeitig die richtigen Entscheidungen treffen.

Welche Faktoren sind entscheidend?

  • Welche Markttrends werden den Weinbau künftig prägen?
  • Welche betriebswirtschaftlichen Fehler sollten Winzer jetzt vermeiden?
  • Gibt es Wege aus dem Preis- und Kostendruck?
Winzer im Weinberg

Welche Zukunft hat der deutsche Weinbau?

Prof. Simone Loose gibt in dieser Episode fundierte wirtschaftliche Einblicke in die Mechanismen des Weinmarkts und erklärt, wie sich die Branche nachhaltig aufstellen kann.

Themen, die wir besprechen:

✅ Warum stehen viele Betriebe vor einer wirtschaftlichen Herausforderung?

✅ Welche Rolle spielen steigende Produktionskosten & Preisdruck?

✅ Welche Marktveränderungen sind langfristig zu erwarten?

✅ Welche Winzer werden sich in Zukunft behaupten können?

Eins ist sicher: Wer die wirtschaftlichen Zusammenhänge versteht, kann sich frühzeitig auf Veränderungen einstellen – und erfolgreich in die Zukunft steuern.

Rotwein ausschenken


🎧 Jetzt reinhören!

📌 Hier geht’s zur Episode:


📌 Mehr über Simone Loose und die Krise des Weinbaus

Hochschule Geisenheim (Prof. Loose)

Aktuelle Studien zur wirtschaftlichen Lage im Weinbau

Weinbau im Wandel

Steillagen in Gefahr


📢 Bleib auf dem Laufenden!

Vielleicht gibt es bald die Möglichkeit, mit Experten wie Simone Loose in einem interaktiven Webinar tiefer in dieses Thema einzutauchen. Bleib dran – mehr Infos folgen!

🚀 Was denkst du über die aktuelle Lage im Weinbau? Schreib mir direkt hier dazu deine Meinung oder auf Instagram oder LinkedIn – ich freue mich auf den Austausch!


Lass' es Dir schmecken!

Wolfgang

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Elisabeth Muth - wie eine Architektin das Weingut Rappenhof leitet https://www.wolfgangstaudt.com/blog/elisabeth-muth/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/elisabeth-muth/#comments Tue, 25 Feb 2025 11:43:34 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/elisabeth-muth/ Weiterlesen

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Elisabeth Muth - wie eine Architektin das Weingut Rappenhof leitet

Von Bauplänen zu Weinreben: Elisabeth Muths Weg ins elterliche Weingut

Eine weitere Episode meines Podcasts "Genuss im Bus" führt mich noch einmal in die sanfte Hügellandschaft Rheinhessens. In der kleinen Weinbaugemeinde Alsheim bin ich mit Elisabeth Muth verabredet, die dort seit 2018 das elterliche Weingut, den Rappenhof in der nunmehr 13. Generation führt.

Der Rappenhof ist ein traditionsreiches Weingut mit einer langen und interessanten Geschichte. Das Weingut wurde bereits 1604 gegründet und befindet sich tatsächlich seit 13 Generationen im Familienbesitz. Seit 1971 ist der Betrieb Mitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) und seit 1991 im Deutschen Barrique-Forum, dort bis 2005 als einziges rheinhessisches Weingut.

Die große Tradition des Weingut Rappenhof

Die Weinberge des Rappenhofs verteilen sich über sechs verschiedene Gemeinden und umfassen berühmte Lagen wie den Oppenheimer Sackträger und Herrenberg sowie die Niersteiner Lagen Pettenthal und Ölberg, in denen exzellente Rieslinge gekeltert werden. Es ist mit etwa 55% der Produktion die wichtigste Rebsorte des Weinguts. Überregionale Bekanntheit und Ansehen genießen vor allem:

  • VDP.Große Gewächse aus dem "Oppenheimer Herrenberg" mit erdig-mineralischen Noten
  • VDP.Große Gewächse aus dem "Niersteiner Pettenthal" mit rauchigem Auftakt, exotischen Fruchtaromen und feiner Säurestruktur
WSD 4217 017

Elisabeth Muth übernimmt die Weingutsregie

Elisabeth Muths Einstieg ins Weingut Rappenhof ist eine Geschichte von Rückkehr und Neuanfang: Sie studierte zunächst Architektur in Frankfurt und Zürich, um dann in München als Architektin zu arbeiten. Nach etwa 10 Jahren in verschiedenen Städten kehrte sie 2018 nach Alsheim zurück. Ihre Entscheidung war von dem Wunsch getrieben, etwas Erfüllendes zu tun und die Familientradition fortzuführen. Aber sie kehrt nicht zuletzt auch deshalb in den Familienbetrieb zurück, weil ihr Bruder nach einem tödlichen Verkehrsunfall das Erbe nicht mehr antreten kann.

Elisabeth sagt:

Ich musste mit dem Wechsel von der Architektur hier ins Weingut jede Menge lernen und muss es weiterhin. Vielles war mir zwar vertraut, schließlich bin ich hier aufgewachsen und habe die Arbeiten in Weinberg, Keller und Vermarktung natürlich mitbekommen, aber doch eher aus Beobachterperspektive und selten im Detail. Andererseits habe ich im Rahmen meines Studium und in den Jahren meiner beruflichen Praxis als Architektin wertvolle Erfahrungen gesammelt und Fertigkeiten erworben, die ich in den Alltag unseres Weinguts sehr gut einbringen kann.

Der erfrischende Blick von außen

Im Interview spreche ich mit Elisabeth immer wieder auch darüber, welche Erfahrungen und Einsichten sie aus ihrem Leben als Architektin in den Weingutsalltag hat mitnehmen können und an welch anderen Punkten die Uhren im Weinbusiness doch ganz anders ticken. Können ihre Erfahrungen in einem gänzlichen anderen Business den Blick auf die Herausforderungen eines Weinguts bereichern, hilft es ihr, ungeschminkt und fernab aller internen Scheuklappen die Stärken und Schwächen, die Chancen und Risiken des Rappenhofs ins Visier zu bekommen?

In diesen Interviewsequenzen stellt sich u.a. heraus, wie wichtig Elisabeth die Verbindung von Theorie und Praxis ist. Sie legt Wert darauf, sich nicht nur abstaktes Wissen anzueignen, sie ist bestrebt, neues Wissen immer gleich in konkrete, anwendbare Fähigkeiten zu übersetzen. Sie fragt stets: Wie funktioniert das? Und dann, wie kann ich es umsetzen?

Wer ihr zuhört, spürt schon sehr bald, dass Elisabeth nach Perfektion strebt. Fehler sieht sie dennoch nicht als Scheitern, sondern als Lernchancen. Mit diesem Vorgehen ist für sie immer auch eine ethische Dimension verbunden: Gute Technik dient dem Wohl des Menschen. Fertigkeiten sollten verantwortungsvoll eingesetzt werden. Deshalb hat sie das Weingut als biologische Bewirtschaftung umgestellt und sich für nachhaltige Methoden und Prozesse entschieden.

WSD 4227 SW

Im Rappenhof weht ein neuer Wind

Im Rappenhof weht also ein neuer Wind. Nicht nur die Bioumstellung hat Elisabeth auf den Weg gebracht, ihr Einstieg hat auch zu einer spürbaren Qualitätssteigerung der Weine geführt. Insbesondere die Abfüllungen des 2023er Jahrgangs werden zurecht als besonders elegant und komplex beschrieben.

Seit 2024 ist auch ihr Mann Johannes in den Betrieb eingestiegen und kümmert sich um den Außenbetrieb. Das hat dem Umstellungsprozess noch einmal sehr gut getan, schließlich verfügt Johannes über langjährige Erfahrungen bei renommierten Bioweingütern und weiß folglich, woauf es ankommt. Elisabeth erklärt dazu: "Dass Johannes jetzt voll im Betrieb mit dabei ist, ist für mich ein Segen. Vieles ist dadurch einfacher geworden und habe wieder etwas mehr Zeit für meine Kinder."

Mit Zuversicht in die Zukunft

Elisabeths Blick in die Zukunft fällt auch deshalb so ungemein positiv aus, weil sie spürt, dass sie angekommen ist. Im Weingut und in der Familie, aber auch in der Winzer-Community. Den Kontakt zu Kollegen und die wechselseitige Hilfsbereitschaft beschreibt sie voller Begeisterung. Das tut ihr sichtlich gut, es zeigt aber auch, dass sie wertgeschätzt und gemocht wird. Auf all dem lässt sich aufbauen und zuversichtlich nach vorne blicken.



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Weinbau unkonventionell: Yvette Wohlfahrt über Freiheit und Leidenschaft https://www.wolfgangstaudt.com/blog/unkonventioweinbau-unkonventionell_yvette-wohlfahrt/ https://www.wolfgangstaudt.com/blog/unkonventioweinbau-unkonventionell_yvette-wohlfahrt/#comments Fri, 21 Feb 2025 11:59:00 +0000 https://www.wolfgangstaudt.com/blog/unkonventioweinbau-unkonventionell_yvette-wohlfahrt/ Weiterlesen

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Weinbau unkonventionell: Yvette Wohlfahrt über Freiheit und Leidenschaft

Zwischen Wissenschaft und Weinhandwerk: Mutig, experimentierfreudig und radikal anders

Für eine weitere Episode von Genuss im Bus treffe ich in Geisenheim Dr. Yvette Wohlfahrt, eine Wissenschaftlerin, die mit ihrem Partner Florian Franke gemeinsam das Weingut Wohlfahrt-Franke führt. Dieses kleine, ökozertifizierte Weingut bewirtschaftet etwa 1 Hektar Rebfläche und legt großen Wert auf naturnahe Weinproduktion. Ihre Weine tragen kuriose Namen und werden unfiltriert und mit nur minimalem Schwefeleinsatz abgefüllt. Das ist Weinbau unkonventionell pur.

Freiheit statt Vollerwerb – Yvette Wohlfahrt bricht mit Konventionen

Neben ihrer Tätigkeit im Weingut ist Yvette als Wissenschaftlerin und Dozentin an der Hochschule Geisenheim tätig, während Florian Franke als Kellermeister und Außenbetriebsleiter bei Schloss Vaux arbeitet. Diese berufliche Vielfalt ermöglicht es den beiden, im Nebenerwerb mit großer Leidenschaft und Hingabe ihr eigenes Ding zu machen.

Was mich an Yvette und Florian besonders fasziniert, ist ihre bewusste Entscheidung, ihren ganz eigenen Weg zu gehen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, ihre Freiheit zu bewahren und ihre Leidenschaft für Wein mit ihren Berufen zu verbinden – ohne sich dem Druck des Vollerwerbs auszusetzen. Dadurch haben sie die Möglichkeit gewonnen, die Dinge ohne äußere Zwänge und in ihrem eigenen Tempo zu machen. Ich denke, die Vita der beiden zeigt, dass es im Weinbau nicht nur den einen richtigen Weg gibt.

Mutig und unkonventionell – Experimentierfreude als Erfolgsfaktor

Bei all dem wundert es nicht, dass sie sich selbst gern als „durchgeknalltes Önologenpärchen“ bezeichnen. Sie sagen: „Wir scheuen uns nicht, mit Traditionen zu brechen, nicht zuletzt, weil wir neugierig aufs Leben sind.“ Dafür sprechen selbstredend die Namen ihrer Weine: „Orange Utan“ für einen maischevergorenen Riesling, „Gewürz-Tapir“ für einen maischevergorenen Gewürztraminer und „Lippen Bärti“ für einen lange im Fass ausgebauten Spätburgunder.

Im Rahmen ihrer Forschungsaktivitäten an der Hochschule Geisenheim beschäftigt sich Yvette unter anderem mit der Kupferreduzierung im ökologischen Weinbau. Denn einerseits ist Kupfer bei den Ökos nach wie vor das einzige wirksame und zugelassene Mittel gegen den Falschen Mehltau. Doch bekannt ist auch: Kupfer belastet Boden und Wasser – und so sucht die Branche schon lange und dringend nach Alternativen.

Wie Yvette Wissenschaft und Weinbau miteinander verbindet

Genau hier setzt das Vitivit-Projekt an, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, an dem auch Yvette beteiligt ist. Da geht es zum einen darum, die Wirkung des Kupfers zu maximieren, um dadurch die ausgebrachte Menge reduzieren zu können. Auch alternative Methoden werden erforscht: gezielte Entblätterung, Bodenabdeckungen, UV-C-Strahlung und neue Wirkstoffe.

Auch in Zukunft will Yvette an der Hochschule bleiben, nicht nur forschen, sondern - vielleicht wichtiger noch - ihre Erfahrungen an die Studierenden weitergeben. Damit einher geht ihre Entscheidung, mit dem Weingut bewusst im Nebenerwerb zu bleiben. So kann sie Freiheit und Leidenschaft über wirtschaftlichen Druck stellen, was zeigt, dass es im Weinbau viele Wege gibt.

Freiheit und Selbstbestimmung als Antriebskraft

Doch ihre Geschichte wirft auch große Fragen auf:

  • Was bedeutet es für die Zukunft des Weinbaus, wenn hochqualifizierte Experten wie Yvette und Florian sich gegen den Vollerwerb entscheiden?
  • Ist es eine persönliche Lebensentscheidung – oder doch ein Hinweis auf die Herausforderungen und strukturellen Veränderungen, die immer mehr Winzer vor große Fragen stellen?

Genau das bleibt unausgesprochen – aber es lässt viel Raum zum Nachdenken.

Vielleicht greife ich genau diese Fragen bald in einem Webinar auf. Noch ist nichts spruchreif, aber ich spiele mit dem Gedanken, einige der heutigen Themen zusammen mit spannenden Gästen zu vertiefen – möglicherweise sogar mit Yvette Wohlfahrt. Und wer weiß, vielleicht auch mit anderen Expert:innen, die in naher Zukunft im Podcast zu hören sein werden.

Unkonventionell und inspirierend – Jetzt reinhören und inspirieren lassen!

Wenn dich solche Themen interessieren, dann halte die Augen offen – ich werde sicher bald mehr dazu erzählen.

Eben da setzt auch die nächste Episode von „Genuss im Bus“ an. In genau einer Woche spreche ich mit Prof. Sabine Loose über strukturelle Krisen im Weinbau und was das für die Zukunft bedeutet.

Also, bleib dran und abonniere den Podcast, um keine Episode zu verpassen!

Und nicht vergessen, lass es dir schmecken!

Wolfgang


P.S. Trag dich in meine E-Mail-Liste ein und erfahre als Erster, wenn es weitergeht!


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